Noch ehe er unser Land betrat, hielt der neue Botschafter Reden. Am Dock hatten sich die wenigen hier wohnhaften Bürger des Landes, das er vertritt, sowie Beamte unseres Außenbüros und der Stadt eingefunden. Eine Kapelle war aufgestellt worden, deren Leiter, mit der Linken Ruhe gebietend, sich immer nach vorn umwandte und den Taktstock mahnend erhob. Fahnen flatterten, Blumen lagen auf der Tribüne bereit. Wo war der Botschafter? Der Botschafter stand noch an Deck und erzählte von seinem Land. „Unserem Land“, rief er, „gehört die Zukunft“, und die blauen Matrosen klatschten.

Kaum hatte er festen Boden unter den Füßen, da wurde sein Benehmen noch sicherer. Zunächst drehte er sich noch einmal um und winkte dem Schiff zu. Als man es dort bemerkte, von dort teils gelangweilt, teils höhnisch, teils drohend zurückwinkte – die Seeleute waren übersättigt –, da machte der hohe Gast Anstalten, über den Laufsteg zurück an Bord zu eilen. Er freute sich. „Man erkennt mich noch, man sieht mich deutlich“, rief er und sprang, hart an der Mole, von einem Bein aufs andere. Diese Kundgebung setzte sich in eine Art Schrittanz fort, der ihn, während das Händeklatschen seiner Landsleute ihn anfeuerte, unter den Klängen der nun triumphierenden Kapelle wie in einem Wirbel auf die Tribüne zog.

Seine Rede war kurzweilig. Allerdings liebte er Gesten. Zunächst beschrieb er die Seereise, wohl seine erste, und zeigte dabei zurück aufs Schiff. „Dort liegt es“, rief er. Dann holte er einen Fisch aus der Tasche, hielt ihn hoch empor und warf ihn in die Menge. Diese trat auseinander, so daß er bläulich klatschend aufs Pflaster fiel. Wie weit der Horizont sei, das verdeutlichte er, indem er beide Arme weit ausbreitete, zum Schaden eines Beamten, der die flache Hand des Botschafters schmeckte. Alsdann schnellten die Arme jäh nach oben. Einer blieb oben, der andere fiel nach unten: die Größe seines Regierungschefs, aus einer bestimmten Entfernung gesehen. Nun zählte er auf, was es zu Hause alles gibt, zum Beispiel Brücken, Häfen und Häuser. Dann erwähnt er die wichtigsten Bodenschätze. Über die Balustrade schwingt sich der Diplomat und läuft unten, vor der Tribüne, schnell hin und her, um zu zeigen, wie groß daheim die Schaufenster sind: „Größer und höher als Gürteltiere.“ Gerade ist er, schnaufend, auf die Tribüne zu den anderen zurückgekehrt, da hebt er das Bein und stößt es mit gewaltigem Schwung ins Leere, um anzudeuten, wie fest die Häuser der Heimat gebaut sind. „Man stößt und tritt sie“, ruft er, „und sie fallen nicht um.“

Die Tribünengäste stehen jetzt kreuz und quer. Einen Botschafter, der sich so anstrengt, aber auch seiner Sache so sicher ist, haben sie vorher nicht gesehen. Als er von den Wasserspielen in seiner Hauptstadt spricht – „Es fehlen hier Wassserspiele“, ruft er, es ist sein Lieblingsgegenstand –, da haben seine Gliedmaßen wirklich viel zu tun. Wie Wasserkerzen schießen die Arme hoch, wie Tänzerinnen umfangen sie einander, beschwichtigen und drehen sich, wogen und wallen, winden sich, Schlangen, umeinander, verbinden sich endlich zu einer hohen Fontäne, so daß die Damen und Herren, ermattet und förmlich besprüht von solcher Darstellungsgabe, überzeugt werden. Nun aber erst die Landsleute des ausländischen Politikers. Die fettigen Aktentaschen haben sie längst abgesetzt, um sich ganz hingeben zu können. Bei zunehmender Preisung des Landes immer engeres Zusammenrücken der Patrioten, Anwinkeln der Ellenbogen, Klatschen und Ausgelassenheit. Sie beklopfen einander, zeigen aufeinander und dann auf den Redner.

Freilich ergibt sich aus ihrem Anblick und der Beschreibung des Landes durch den Redner ein Widerspruch, der gespürt wird. Der überirdische Glanz, in dem Beredsamkeit und bewegte Gestik das Land erscheinen lassen, und der jauchzende Zuspruch des keilförmig beieinanderstehenden Heimatvolkes – dieser Zuspruch hat den Charakter einer Konversion –, lassen, zumal auf der Tribüne, einen Verdacht aufkommen, dessen auch der Botschafter inne wird. Er beobachtet, wie wiederholt der Blick einiger Herrschaften, von ihm eben in eine ideale Ferne gelenkt, durch die Beifallskundgebungen hinunter auf die Erde, auf die miese Menge unterhalb der Tribüne gezogen wird. Schief und übel steht diese da, von unterschiedlicher Gestalt, einige groß, zu viele aber klein, nur kurz vom Pflaster aufsteigend, als ob sie knieten oder gerade mit verklebten Lidern einen Schacht emporstiegen, der sie an dieser Stelle, unter der Tribüne, nach langer Entbehrung ans Tageslicht führte, noch immer mißtrauisch, von entweder übertrieben kostbar gekleideten oder mangelhaft bedeckten Genossen durchsetzt, insgesamt die Übelkeit des Ausländers in Blick und Haltung kundgebend.

Der schlechten Wirkung dieser Aussicht entgegenzutreten, ruft der Diplomat, indem er ausdrücklich auf die Schar hinweist: „Übersehen wir diese Elenden. Übersehen wir die schäbige Meute.“ Die Angesprochenen befinden sich im Nachteil, da sie die Sprache des Gastlandes ungenügend beherrschen und sich gegen die fortgesetzten Rufe des Botschafters nicht behaupten können. Ungelenk, im dunklen Chor, aus dem sich hier und da ein übler Akzent besonders deutlich meldet, setzen sie sich zur Wehr. „Mein Mantel“, ruft beispielsweise einer der Männer und zeigt auf seinen Mantel, „dieser Mantel gehört mir selbst.“ Etwas zurückweichend ruft der Diplomat: „Ausgewiesene. In der Fremde haben sie sich bereits bis zur Unkenntlichkeit verändert.“ „Ich bin dein Vetter“, ruft mit versagender Stimme ein Mann, der zugleich an der Spitze der Empörten die Treppe zur Tribüne emporstürmt. „Schwach erkenne ich dich“, ruft der Botschafter zurück, „deine Gesichtszüge sind verzerrt, in diesem Land bist du endgültig zum Idioten geworden.“

Diese Worte werden auch auf der Tribüne nicht günstig aufgenommen. Ohnehin hat der wirre Ton der Klage und fassungsloser Verzweiflung die Ehrengäste gerührt. Und wie sich der Redner nun auch zu retten versucht, ob er andeutet, es handle sich um Gedungene, ob er seltene, ob ihrer Farbigkeit hier gern gehörte Flüche ausspricht, nichts kann ihm helfen. „Kommen Sie zu uns“, ruft er zum Beispiel, „sehen Sie selbst.“ Ringsum nur noch Feinde. Als er jedoch, ganz in die äußerste Ecke der Tribüne gedrängt, laut ausruft, es sei ein Mißverständnis, gewiß befinde er sich im falschen Lande, aus Versehen sei er hier vorzeitig, ein oder zwei Häfen zu früh, ausgestiegen – als er gar zum vermeintlichen Beweis des Irrtums in seiner Brieftasche, die er jetzt auf einmal in der Hand hält, nach der Fahrkarte sucht und dazu ruft, es gelte nicht, was er und andere hier gesagt und getan, Willkommen, Rede, Beifall, Meuterei, das alles sei deshalb nichtig, da es ja, wenn überhaupt, woanders, etwa im nächsten oder übernächsten Hafen hätte gesagt werden und stattfinden sollen, können und dürfen – vielleicht aber auch nicht, da die dortigen Landsleute womöglich – die alte Sicherheit macht sich wieder bemerkbar – dergleichen weder verdient noch auf sich gezogen hätten, noch überhaupt anwesend wären: Als der Botschafter die Umstände so darstellt, als er bereits auf dem besten Wege ist, die Zuhörer überzeugt zu haben, gar nichts habe stattgefunden, lediglich ein Spiel alles, das er hiermit für beendet erkläre, da verbreitet sich ringsum Schweigen, selbst der fremde Vetter steht reglos. Die Anmerkungen waren nun wieder, in Ausage, Ton und begleitender Körperbeteiligung von jener Vollendung, die überall bei Wissenden die gleiche Bewunderung erregt.