Nach fünf Jahren ständigen Rückgangs ist die Zahl der im Bundesgebiet eingetragenen Aktiengesellschaften 1962 wieder leicht von 2355 auf 2368 gestiegen. Nach Kapitalerhöhungen um insgesamt 1,9 Mrd. DM betrug das Grundkapital all dieser Gesellschaften am Jahresende 1962 knapp 36,2 Milliarden DM.

Während früher die Zeiten großen Wirtschaftsaufschwunges nicht zuletzt durch den Umfang der Neugründungen von Aktiengesellschaften charakterisiert wurden, schien das Interesse an dieser Gesellschaftsform in den Nachkriegsjahren nachzulassen. Zahlreiche Aktiengesellschaften, darunter auch bekannte Unternehmen, wurden in andere Unternehmungsformen überführt. Das war einmal eine Folge der Steuergesetzgebung, zum anderen aber auch auf den Wunsch zurückzuführen, weniger der öffentlichen Überwachung ausgesetzt zu sein, als es die Aktiengesellschaften kraft Gesetzes sind.

Seit etwa zwei Jahren gewinnt die Aktiengesellschaft nun wieder an „Beliebtheit“. Typisch für die jüngste Entwicklung ist aber nicht nur die Zahl der Neugründungen, sondern auch die Tatsache, daß selbst große angesehene Firmen in Aktiengesellschaften umgewandelt werden. Dabei löst keineswegs immer der Kapitalbedarf diese Umwandlungen aus, aber er spielt eine wichtige Rolle. Aktien einer Gesellschaft, die bereits seit mehreren Jahren ihre Abschlüsse veröffentlicht und dabei eine vorbildliche Publizität betrieben hat, sind natürlich leichter unterzubringen als Papiere solcher Firmen, die bis dahin sorgfältig bemüht waren, den Vorhang über interne Vorgänge möglichst geschlossen zu halten. Eine Umgründung, die mit einer sofortigen Kapitalemission verbunden ist, wird allzu leicht in den Verdacht einer Notmaßnahme gelangen.

Schließlich lassen sich auf dem Wege der Publizität einer Aktiengesellschaft werbende Wirkungen erzielen, die sonst auch dann kaum erreicht werden, wenn große Finanzmittel dafür bereitstehen. Es ist sicherlich kein Zufall, daß einige Unternehmen, die früher die Rechtsform der Aktiengesellschaft abgelegt haben, trotzdem die Publizität weiter pflegen und wenigstens einen Teil der Betriebszahlen veröffentlichen. Zurückgeführt in eine AG wurde bisher erst eine Gesellschaft, nämlich die Büssing-Werke AG, Braunschweig.

Unter den Neugründungen treten besonders drei Gruppen hervor, die bisher im Bereich der Aktiengesellschaft verhältnismäßig wenig vertreten waren. Dies gilt insbesondere für die Unternehmen zur Verwertung landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Die Aktiengesellschaft ist in der Handlungsfreiheit beweglicher als die Genossenschaft. Von den Gründungen werden alle Teile der Landwirtschaft und alle Gebiete des Bundes berührt. Die Aktienkapitalien sind sehr unterschiedlich und liegen zwischen 100 000 DM und 2 Mill DM. Eine bemerkenswert große Zahl von jungen Aktiengesellschaften finden wir auch im Einzelhandel, wo die Form der AG bisher auf wenige Großunternehmen beschränkt war. Darunter sind zwei Firmen mit Schmuckwaren. Im Elektroeinzelhandel, Süßwarenhandel und Lebensmittelhandel sind ebenfalls Aktiengesellschaften entstanden, unter denen sich auch ein Filialunternehmen auf Diskont-Basis befindet. Hier tritt die Finanzierungsfrage offensichtlich in den Vordergrund, denn die Aktien sollen auch den Kunden angeboten werden, wobei die Gründer an eine Dividendengarantie von mindestens 8 % denken. Diese Garantie dürfte wohl zumindest unter den Neugründungen der jüngsten Zeit ein Unikum darstellen.

Interessant ist, daß die Stadtverwaltungen ihre Betriebe, die bisher als Regiebetriebe oder in der Form von Gesellschaften mit beschränkter Haftung geführt wurden, nunmehr in Aktiengesellschaften überführen. Dabei haben Köln und Nürnberg ihre Verkehrsbetriebe bzw. ihre Gas-, Elektrizitäts- und Wasserwerke in getrennte Gesellschaften eingebracht.

Neue Aktiengesellschaften finden wir aber auch in zahlreichen anderen Industrie- und Wirtschaftszweigen, so zwei Gesellschaften, deren Unternehmenszweck mit „Planung und Beratung“ angegeben wird. Die Kunststoffverarbeitung, die Mineralölwirtschaft, die Bauwirtschaft und die Alkoholwirtschaft sind mit mehreren Neugründungen vertreten. Im Verkehrswesen finden wir zwei Reedereien und zwei Luftverkehrsunternehmen. Neuerdings mehren sich auch die Neugründungen im Bank- und Versicherungswesen. Bemerkenswert selten werden Tochtergesellschaften von ausländischen Unternehmen in die Form der Aktiengesellschaft gekleidet, vielmehr werden diese fast ausschließlich durch Gesellschaften mit beschränkter Haftung repräsentiert.

Soweit bisher übersehen werden kann, sind die Finanzgrundlagen der neuen Gesellschaften durchaus gesund. Daß bei den Neugründungen gelegentlich auch Spekulationen zugrunde liegen, zeigen die Schwierigkeiten, die in jüngster Zeit bei drei Nachkriegsgründungen aufgetreten sind. Allerdings dürfte die Zeit noch zu kurz sein, um ein endgültiges Urteil zu fällen. Gustav Plum