Köln

Gelindes Grausen erfaßte den Vorsitzenden des Bonner Vereins der Tiergartenfreunde, Aloys Hansen, als er in diesen Tagen eine Rechnung vom Kölner Zoo erhielt: „Betrifft: Die von ihnen bei uns eingestellte Löwin Pretoria II.“ Das Raubtier habe, so hieß es, mittlerweile 822 Kilogramm Frischfleisch im Werte von 1233 Mark gefressen. Freundlich wurde um die Begleichung der Rechnung gebeten. Aloys Hansen schickte die Rechnung nach Köln zurück und meinte: „Das ist nicht meine Löwin. Sie gehört der Stadt Bonn.“

Daß die Löwin der Stadt Bonn gehört, steht auch am Käfig im Kölner Zoo, hinter dessen Gittern die Löwendame träge in die Sonne blinzelt, neben sich zwei Jungtiere, die sie fünf Monate nach Ihrer Ankunft in Deutschland geworfen hat. Auf einer Tafel ist zu lesen: „Löwin Pretoria II ist ein Gastgeschenk der Stadt Pretoria an die Stadt Bonn. Pretoria II genießt zur Zeit Gastrecht im Kölner Zoo.“ Währenddessen mehrt sich in Bonn die Zahl der Bürger, die Pretoria II lieber als Bettvorleger denn als pflegebedürftiges Raubtier in ihren Mauern haben möchte. Auch die Bonner Stadtverwaltung ignorierte bisher die Futterrechnung aus Köln. Hansen klagt: „Am liebsten würden sie unserem Verein das Raubtier in die Schuhe schieben.“

Nicht ganz zu Unrecht: Auf Hansens Initiative hatte Pretoria II in einer Maschine der Lufthansa ihre Reise nach Deutschland angetreten. Den gleichen Weg hatten vor ihr im Jahre 1952 schon einmal das Löwenpärchen „Pretoria I“ und „Bonn“ zurückgelegt. Der damalige Bonner Oberbürgermeister Peter Maria Busen hatte die Tiere bei einem Besuch in Pretoria als Geschenk für den Bonner Tiergarten erhalten.

Schon damals freilich hatten sich nur die Tierfreunde über den Raubtierzuwachs in ihrem kärglich bestückten Garten gefreut. Die Bonner Bürgerschaft hatte wenig Interesse an seiner Erweiterung. Mühsam fristen dort ein paar Hirsche, Vögel, etliche Affen und ein Stinktier ihr Leben. Ebenfalls nur geduldet ist ein Lama aus dem Zirkus Altdorf. Das Lama war von Unbekannten bei Nacht und Nebel an einen Baum im Tiergarten gebunden worden, nachdem die Stadtverwaltung das angebotene Geschenk offiziell zurückgewiesen hatte. „Nun kann es wenigstens den richtigen Leuten auf die Weste spucken,“ meinte Tierfreund Hansen. Er hält nicht mehr viel von der Sorgfaltspflicht der Bonner Stadtverwaltung.

Nach seiner Meinung ging auch die erste Lövin Pretoria wegen mangelnder Liebe und Pflege ein. Damals hatten die Anwohner des Tiergartens triumphiert: Das nächtliche Löwengebrüll hatte sie mehr als einmal aus dem Bett gerissen. Aber Aloys Hansen gab nicht auf. Er meldete den Verlust nach Pretoria. Am 26. Oktober kam Pretoria II auf dem Köln-Bonner Flughafen an. Zu Ehren der Wüstenkönigin veranstaltete die Lufthansa eine Party.

Doch inzwischen waren schon die ersten Komplikationen eingetreten: Die Stadt Bonn, am Wahner Rollfeld vertreten durch den Stadtdirektor Dani, weigerte sich die Löwin aufzunehmen – mit der Begründung, die Ankunft der Löwin sei offiziell nicht bekannt. Die Stadt Pretoria hatte versäumt, dem brüllenden Geschenk einen Begleitbrief mitzugeben. Außerdem müsse man auch erst ein schalldichtes Löwenhaus bauen. Die Lufthansa bat nun den Kölner Zoo, der Löwendame Gastrecht zu gewähren. Das geschah. „Wir konnten das Tier schließlich nicht in der Kiste lassen“, sagte Dr. Zeller vom Zoologischen Garten.