Der Artikel in der ZEIT Nr. 13 „Von den Zinsen soll man leben“ hat beträchtliche Unruhe ausgelöst, die sich bei uns in zahlreichen Leserbriefen niederschlug. Der Autor Walther Weber hatte mit Hilfe einer graphischen Darstellung versucht, die „Auszehrung“ der Sparzinsen durch die jährliche Erhöhung der Lebenskosten deutlich zu machen. Er machte darauf aufmerksam, daß im Jahre 1962 die Steigerung der Lebenshaltungskosten von 3,5 % den Zins für Spareinlagen mit gesetzlicher Kündigungsfrist (3 1/4 %) überrundet hat. In einem Leserbrief (ZEIT Nr. 16) vertiefte Max-Josef Frotz, stellvertretender Direktor der August Thyssen-Bank AG in Düsseldorf, dieses Thema, in dem er auch die Steuern ins Spiel brachte. Dann wird die Rechnung natürlich noch viel ungünstiger, so daß wir uns entschlossen, den Brief von Frotz mit der provokatorischen Überschrift „Der Sparer muß Geld mitbringen“ zu versehen. In unserem heutigen Bankgespräch soll nun ein Vertreter der „Gegenseite“ zu Worte kommen.

Der Sparer ist heute ein vielumworbener Mann. Ohne sein Geld würde der weitere wirtschaftliche Aufschwung zum Erlahmen kommen. Nicht nur die Industrie braucht Investitionskapital, auch die öffentliche Hand kann ihren Haushalt ohne Spargelder breiter Bevölkerungsschichten nicht mehr ausgleichen. Die Wege, auf denen sich die Interessenten Kapital beschaffen, sind vielfältig. Entweder sie tun es direkt (Ausgabe junger Aktien, Verkauf von Anleihen, Aufnahme von Schuldscheindarlehen) oder sie bedienen sich Vermittler, die ihrerseits die Spargelder sammeln und diese dann unter Berechnung von Provisionen u. ä. an die Kapitalsuchenden weiterleiten. Vermittler sind vor allem die Banken, Sparkassen, Realkreditinstitute, Finanzmakler usw. Eine gewisse Sonderrolle spielen die Investment-Gesellschaften, weil sie mit den Kapitalnehmern nur indirekten Kontakt haben und ihre Anlagepolitik unabhängig von den Kapitalwünschen der Industrie usw. verfolgen. Immerhin stehen auch die Fonds in der Reihe jener, die sich um das Geld des Sparers bemühen, ebenso wie im übrigen auch die Lebensversicherungsgesellschaften. Alle diese Institutionen verdienen am Geld des Sparers.

Dort, wo Wettbewerb herrscht, wird auch Werbung getrieben. Jeder preist die von ihm vertriebene Ware an, handelt es sich nun um Sparbücher, Pfandbriefe, Industrie-Anleihen, Aktien, Investment-Zertifikate oder Versicherungspolicen. Daß in der Werbung jeweils nur die Vorzüge der einen oder anderen Sparform herausgestellt werden, ist verständlich. Dem Sparer (und seinen Beratern, eine Funktion, die in Deutschland seit jeher in starkem Maße von den Banken ausgeübt wird) obliegt es, die für ihn günstigste Sparform herauszufinden. Allgemeingültige Rezepte gibt es hierfür nicht.

Diese Ausführungen wollte ich dem jetzt folgenden Brief voranschicken, in dem der Verfasser – sozusagen von Berufs wegen – ein Plädoyer für das Rentensparen hält, allerdings zum Schluß fairerweise auf die „goldene Regel“ des Mischens bei Vermögensanlagen zu sprechen kommt. Aber lesen Sie selbst:

„In Ihrer Ausgabe Nr. 16 veröffentlichten Sie einen Leserbrief von Herrn Max-Josef Frotz, stellvertretender Direktor der August Thyssen-Bank AG in Düsseldorf. Herr Frotz stellt für einen „Repräsentanten der sogenannten bürgerlichen Schicht“ mit einem Jahreseinkommen von netto 30 000 DM und einem beachtlichen steuerpflichtigen Vermögen drei Rentabilitätsberechnungen für die Anlage von 30 000 DM auf dem Sparkonto, in festverzinslichen Wertpapieren und Aktien an. Für das Sparguthaben errechnet Herr Frotz einen Jahresverlust von 507 DM, für die Anlage in Festverzinslichen einen Nettogewinn von 133 DM und für den Aktiensparer ein Plus von 664 DM.

Abgesehen davon, daß wohl keine Sparkasse in der Bundesrepublik einem Sparer, der 30 000 DM langfristig anlegen will, ein Konto mit gesetzlicher Kündigungsfrist empfehlen wird, dürfte Herrn Frotz bei der Berechnung des jährlichen Substanzverlustes wohl ein Fehler, oder sagen wir besser: eine Ungenauigkeit unterlaufen sein. Herr Frotz errechnete den Substanzverlust des Sparkontos – ebenso wie für die Anlage in Anleihen – auf Grund eines angenommenen Kaufkraftschwundes von 3,5 % jährlich. Das ist eine recht pauschale, ich glaube sogar eine unvertretbare Rechenweise, die aber heute, wo der Index einem die Notwendigkeit gründlicher Argumentation abnimmt, gang und gäbe ist. Der theoretische durchschnittliche Substanzverlust tritt doch nur dann ein, wenn mit dem Sparguthaben „quer durch den Konsum“ gelebt wird. Dient das Sparguthaben dagegen zur Anschaffung großer Güter, so sieht die Rechnung anders aus. Wenn beispielsweise jemand vor 10 Jahren 30 000 DM aufs Sparbuch legte, um sich heute davon eine komplette Wohnungseinrichtung mit Fernseher, Kühlschrank, Wasch- und Geschirrspülmaschine zu kaufen, so hat er mitnichten einen Substanzverlust erlitten, sondern im Gegenteil: er kauft heute billiger ein als vor einem Dezennium, Ist er dagegen ein Bausparer, so muß er nicht nur mit 3,5 %, sondern gar mit 8 % jährlichem Substanzverlust rechnen. Aber ich will nicht eine theoretische Rechnung mit anderen theoretischen Rechnungen widerlegen.

Zum zweiten Beispiel, der Anlage in festverzinslichen Wertpapieren: In der Frotzschen Rechnung wird auch hier ein Substanzverlust abgezogen. Es gilt die gleiche Einschränkung wie beim Sparguthaben; ein Substanzverlust wird nur effektiv, wenn die Wertpapiere realisiert werden; und auch dann kommt es ganz darauf an, was mit dem flüssigen Geld gemacht wird. Außerdem ist dieses zweite Rechenbeispiel wohl nicht ganz aus dem Leben gegriffen: Wer 30 000 DM langfristig in 6 % igen Anleihen oder Pfandbriefen anlegt und 30 000 DM netto im Jahr verdient, wird ja wohl die Jahreszinsen wieder anlegen. Und dann sieht die Rechnung so aus: Aus 30 000 DM, in 6 % igen Papieren angelegt, werden in 10 Jahren 53 700 DM, in 20 Jahren 96 210 DM, in 30 Jahren 172 290 DM. Bei dieser Rechnung wurde außer den Zinsen kein Pfennig neu angelegt! Freilich: die Steuern, Aber, wer hat nicht die Möglichkeit, bei 30 000 DM Nettoeinkommen 1500 DM oder, bei wachsendem Vermögen auch 2000 DM oder 3000 DM Kapitaleinkünfte von den Steuern abzusetzen? Sei es, daß er sie teilweise und vorübergehend prämienbegünstigt anlegt, sei es, daß er einen entsprechenden Betrag in eine Lebensversichebeispielsweise laufend 30 % der Kapitaleinkünfte auffrißt, dann bleiben bei der Anlage von 30 000 DM in 6 % igen Pfandbriefen nach 20 Jahren immer noch rund 45 000 DM, nach 30 Jahren rund 100 000 DM reiner Zins- und Zinseszinsgewinn. Es scheint mir also durchaus sinnvoll und einträglich zu sein, Vermögen in festverzinslichen Papieren zu bilden.