Von Ernst Stein

Nachschlagewerke, Wörterbücher, Lexika, Bibliographien, Anthologien wecken im gebildeten Menschen eine Stimmung, für die das Englische die Cockney-Redensart hat: „Ich bin nicht happig, aber ich hab’ gern viel!“ Vor einem Roman von vierhundert Seiten befällt einen das würgende Gefühl, ein Federbett fressen zu müssen, aber vor einem dreimal so dicken Handbuch sperrt man willig den Schnabel auf wie ein Starenjunges vor der Fütterung. Beim Sichtbarwerden einer Bildungslücke nach einem Wälzer greifen und sagen zu können: „Das werden wir gleich haben!“ ist eine kaum geringere Genugtuung, als es schon vorher gewußt zu haben, denn drei Fünftel der Bildung bestehen in dem Wissen, wo man nachzuschlagen hat. Erst wenn man es auch dort nicht findet, kommt man sich richtig unbeschlagen vor.

Nicht jeder hat die 32 Bande des Grimmschen Wörterbuches und den Großen Goedeke (der „Taschengoedeke“ ist voller Mängel) und Thieme-Beckers Künstlerlexikon in drei Dutzend Bänden daheim stehen, und was heutzutage an Kompendien zum Zwecke der Sofortbildung herausgebracht wird, sei es als Taschenbuch, sei’s zu Lexikonpreisen, kann einen nur mit brennender Sorge um eine Generation erfüllen, die ihre Werturteile – und die nötigen Daten – aus solchen in beiden Punkten nur selten verläßlichen Quellen schöpfen muß.

Übrigens sind Nachschlagewerke nicht nur zum Blättern da, man kann sie auch lesen, wahr und wahrhaftig, und der abgedroschene Graf-Bobby-Witz: „Ja, lesen Sie denn kein Telephonbuch?“ ist nicht ganz absurd. Es lassen sich die schönsten statistischen und volkskundlichen Spiele mit einem Telephonbuch anstellen – wie viele Schreibungen des Namens Schmidt es gibt; in welchem Stadtteil die meisten Meier wohnen; welches die ausgefallensten Familiennamen und die häufigsten Taufnamen sind – und man kann Sprachoffenbarungen erleben, wenn man den ganzen Duden oder das idiomatische Wörterbuch einer fremden Sprache ausliest, vom Konversationslexikon zu schweigen. Nicht ohne Grund hat der nobelpreiswürdige Aldous Huxley einmal auf die periodisch wiederkehrende Frage: „Welche zehn Werke würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?“ geantwortet: „Nur eins. Die Encyclopaedia Britannica.“

Vollständigkeit und Fehlerlosigkeit sind uns Sterblichen nicht gegeben, und wir müssen schon froh sein, wenn der Prozentgehalt hoch ist. 87,5prozentig ist das

und nun kann uns nicht mehr viel passieren: Es steht fast alles drin, und es ist fast alles richtig. 9000 Artikel, 3000 Doppelspalten, 200 000 Halbzeilen, anderthalb Millionen Worte, klarer Druck, klare Darstellung, kein modischer Krampf, aber auch keine seelenlose Objektivität, sondern eher ein generelles Wohlwollen im Urteil.

Vorsichtshalber sollte man in einem Lexikon weder Wohlwollen noch Mißbilligung bekunden, wenn es sich um die Jungen und Jüngsten handelt: Es ist noch nicht genug von ihnen da für eine abschließende Charakterisierung, oder es kann, soviel von ihnen auch schon vorliegen mag, das noch Folgende ihr Bild sehr verändern. Enzensberger wird bestimmt nicht mit dem „eiskalten Zynismus“ enden, der ihm hier nachgesagt wird und der heute schon weder eiskalt noch Zynismus ist, sondern eine künstlerische Form, aus der einmal sehr wohl etwas wie Abgeklärtheit hervorgehen kann. Auch vermeidet man besser Wertungen wie „frivoler Roman“ (für „Lolita“), nicht nur weil man Henry Miller, Genet und Burroughs (der hier fehlt) erlebt hat, sondern auch weil der Ausdruck frivol aus einer Zeit stammt, in der man „pikante Literatur“ für Pornographien sagte und die Pornographien in den Bücherkatalogen unter „Kuriosa“ geführt wurden.