Von Kurt Wendt

Ungewöhnliche Börsentage liegen hinter uns. Innerhalb kurzer Zeit wurde ein nicht unwesentlicher Teil der in den Baisse-Jahren entstandenen Kursverluste wieder ausgeglichen. Jedermann mußte klar sein, daß das Hausse-Tempo – wie es sich am Wochenanfang zeigte übertrieben war und nicht von Dauer sein konnte. Aber gleichzeitig wurde deutlich, daß die Aktienkurse auf Biegen oder Brechen nach oben wollen. Der besonnene Anleger fragt sich allerdings, inwieweit eine allgemeine Aufwärtsbewegung zu rechtfertigen ist oder ob nicht eine stärkere Kursdifferenzierung unserer heutigen Wirtschaftslage angemessener wäre. Es kann schwerlich geleugnet werden, daß die Hausse-Bewegung der ersten Maiwochen der tatsächlichen konjunkturellen Entwicklung weit vorangeeilt ist, zumal noch keineswegs feststeht, ob der vom Bundeswirtschaftsministerium traditionsgemäß zur Schau getragene Optimismus oder die Moll-Töne des Bundesverbandes der Industrie schließlich tonangebend sein werden. Allerdings: Von einer drohenden Rezession spricht niemand mehr!

Sehen wir uns die Fakten, die von den Aktienkäufern ins Feld geführt werden, einmal näher an. Da ist zunächst einmal die unbestreitbare These, daß die deutschen Aktienkurse – international gesehen – zurückgeblieben sind. Für diese Vernachlässigung liegt kein Grund vor, zumal von einem besonderen politischen Risiko nicht mehr gesprochen werden kann. Die strengen Börsenanalysten halten jedoch von der These der vernachlässigten deutschen Kurse nicht viel; sie müssen aber zugeben, daß eine Anpassung der Kursbewertung erstklassiger deutscher Aktien – 50 drückt sich die Berliner Handels-Gesellschaft in ihrer jüngsten Betrachtung zur Börsenlage aus – an den international üblichen Kursstand einfach in der Logik der weltwirtschaftlichen Verflechtung liegt.

Der Anstoß für die Mai-Hausse kam vom Ausland, das vor allem nach dem Studium der IG-Farben-Bilanzen und des Zahlenwerks des Volkswagenwerks zu dem Schluß kam, diese Papiere seien unterbewertet, wenn man eben internationale Maßstäbe anlegt. Wie diese im einzelnen aussehen, davon gab uns das Bankhaus I. D. Herstatt (Köln) eine Kostprobe. Herstatt schätzt den Nettogewinn des Volkswagenwerks für 1962 auf etwa 330 Mill. DM. Auf Grund dieser Schätzung entspreche die Börsenbewertung des VW-Werkes beim Kurs von 560 % (so lautete der Kurs noch in der vergangenen Woche) mit 3,36 Mrd. DM nur etwa dem Zehnfachen des Gewinns. Bei anderen gutfundierten deutschen Standardunternehmen sei demgegenüber ein Verhältnis 1:15 bis 1 : 20 festzustellen. Amerikanische Investoren halten bei der Bewertung ihrer Automobilaktien das Dreizehn- bis Fünfzehnfache des Gewinns für angemessen. – Solche und ähnliche Berechnungen haben den Kurs der VW-Aktien nach oben getrieben. Die Frage ist allerdings, ob der geschätzte Gewinn von 330 Mill. wirklich die richtige Ausgangsbasis für die Kursbewertung ist. Man kann doch nicht einfach übersehen, daß das Ergebnis für 1962 beim Volkswagenwerk durch vielerlei Sonderfaktoren günstig beeinflußt worden ist, die für 1963 und später nicht mehr wirksam sein können. – In der stürmischen Hausse jedoch wurden mahnende Hinweise einfach beiseitegeschoben!

Ohne Zweifel haben bei den jüngsten Aktienkäufen auch die Befürchtungen vor einer weltweiten inflationistischen Bewegung eine Rolle gespielt. Diese bewegen aber weniger das deutsche Publikum als die ausländischen Anleger. Dennoch konnten Auswirkungen der Aktien-Hausse auf den deutschen Rentenmarkt nicht ausbleiben. Er tendierte ruhig, die Umsätze ließen merklich nach. Nichts deutete aber darauf hin, daß das allgemeine Umsteigen von Renten und Aktien bereits eingesetzt hat.

Wenn auch die deutschen Investmentgesellschaften in den vergangenen Tagen verstärkt zu Aktienkäufen übergegangen sind, dann geschah dies sicherlich zum Teil aus der Überzeugung heraus, daß bei vielen deutschen Unternehmen die berechtigte Aussicht auf wachsende Selbstfinanzierungsmöglichkeiten besteht. Man rechnet damit, daß sich die kommenden Lohnsteigerungen in etwa im Rahmen der echten Produktivitätszunahme halten werden. Zum anderen konnten die Fonds schwerlich noch länger größere liquide Mittel in ihren Kassen festhalten, weil sie sonst Gefahr gelaufen wären, daß die Aufwärtsentwicklung der Verkaufspreise ihrer Zertifikate mit den Aktienkurssteigerungen nicht Schritt gehalten hätten. Hier zog also ein; das andere nach sich.

Bleibt zum Schluß die Frage, ob die Banken nicht gut daran getan hätten, Kursüberspitzungen, wie wir sie am Wochenanfang erlebten, durch Abgaben aus ihren Beständen zu unterbinden. Sicherlich ist von dieser Seite einiges an Aktien in den Markt geschleust worden – und vieles sogar mit gutem Gewinn. Aber man darf nicht vergessen, daß ein nicht geringer Teil der Aktienbestände zu relativ hohen Kursen (aus Gründer, der Kursstützung) erworben worden ist und daß die Banken unter allen Umständen darauf sehen werden, diese Aktien mit Gewinn zu verkaufen, unabhängig davon, ob darauf Abschreibungen vorgenommen worden sind oder nicht. Und schließlich sollte man nicht vergessen, daß auch in Kreisen der Experten nunmehr der Börsenoptimismus überwiegt. Man ist zwar nicht gerade glücklich über die jüngste stürmische Aufwärtsentwicklung, doch wird in Gesprächen weiterhin die Ansicht vertreten, daß die höchsten Aktienkurse dieses Jahres noch keineswegs erreicht sind.