Was trägst du da für ein Abzeichenfragte eine englische Lehrerin eine Schülerin ihrer Klasse und wies auf ein goldgelbe;Wollpüppchen, das die Sechzehnjährige stolz an ihrer College-Jacke trug. Das Mädchen wollte nicht mit der Sprache heraus. Schließlich: den kleinen „golliwog“ steckten sich vereinbarungsgemäß alle Mädchen der Schule an, sobald sie ihre Jungfernschaft verloren hatten,

Auf der Konferenz der British Medical Association, auf der über den Vorfall berichtet wurde, entspann sich eine hitzige Debatte, die Presse nahm es auf, und in der allgemeiner Aufregung übersah man, daß eine der „golliwog“-tragenden Schülerinnen, von einem Reporter befragt, überlegen erklärte: „Pah! Einige der Mädchen tun ja nur so als ob, weit sie hinter den andern nicht zurückbleiben wollen!“

Es handelte sich keineswegs um die einzige Sex-Debatte, die in den letzten Jahren in England stattfand. Im Gegenteil: Es gibt wohl kein anderes Thema, das heutzutage so häufig und leidenschaftlich erörtert würde, und zwar geschieht das in den Zeitungen, im Rundfunk und in privaten Gesprächen mit einer Offenheit, die den Nicht-Engländer in Erstaunen versetzt. Im Fernsehen diskutieren Pädagogen, Prälaten und Psychologen die neue Einstellung zu Sexualproblemen, und der Britische Ärzteverband setzte eine besondere Kommission zur Untersuchung des Sex Life der Teenager ein, die den Schlager-Sänger Adam Faith als Sachverständigen verhört.

Nun könnte man gewiß einen Gewinn darin sehen, daß Tatsachen, die seit Adam und Eva existieren, nicht mehr prüde vertuscht, sondern ohne Heuchelei in aller Öffentlichkeit erörtert werden. Aber wo Rauch ist, da ist auch Feuer, und wo es Diskussionen gibt, da gibt es auch Statistiken. Und die Statistiken sind gewiß beunruhigend. Es ist festgestellt worden, daß in England mehr als ein. Drittel der Mädchen unter zwanzig Jahren, die in den Stand der Ehe treten, zum Zeitpunkt ihrer Heirat schwanger sind. Aber man braucht gewiß, keine Statistiken, um festzustellen, daß es heute in England – und keineswegs bloß unter den Halbwüchsigen – eine Toleranz in Sex-Fragen gibt, die nicht mehr als ein bloßes Nachkriegsphänomen gewertet werden kann. Natürlich soll man auch hier nicht generalisieren.

Kein Zweifel, in allen Bevölkerungsschichten Englands ist eine Lockerung der Sitten eingetreten. Zu dieser Entwicklung haben gewiß viele Faktoren beigetragen: die Skepsis, mit der viele die christlichen Sittlichkeitsideale beurteilen, die Zerstörung traditioneller Tabus, die mit Erotik geladene Atmosphäre der Großstädte, in denen Sex von allen Plakatwänden, Zeitungsständen und Kinos lockt, die soziale und wirtschaftliche Gleichstellung der Frau, die häufig zu ähnlichen Emanzipationsansprüchen auf sexuellem Gebiet führt. Einige spezifische Ursachen dürften dazu geführt haben, daß sich diese Tendenz in England mit besonderer Vehemenz offenbart. Hier schwang das Pendel seit Jahrhunderten zwischen den Extremen der Enthaltsamkeit und der Sinnenlust. Auf die lebensfrohe Derbheit der Zeit Shakespeares folgte die sittenstrenge Diktatur des Puritanismus,. nur um wieder von der Frivolität der Restaurierungsperiode abgelöst zu werden. Von der moralinsauren Prüderie der viktorianischen Epoche ist jetzt offenbar das Pendel zurückgeschwungen zu einer Freizügigkeit, die nun den Psychologen Dr. Eustace Chesser zu der Frage und dem Buchtitel veranlaßt hat: „Ist Keuschheit unmodern?“ rl.