Übersetzen ist eine undankbare Aufgabe: Ist eine Übersetzung schlecht oder mittelmäßig, so versäumt niemand, der seine eigenen Sprachkenntnisse unter Beweis stellen möchte (und wer ist da ganz ohne Ehrgeiz), auf ihre Schwächen hinzuweisen, den Finger ohne jedes Zartgefühl gerade in die Wunde zu bohren, die oft den so geschmähten Übersetzer am meisten schmerzt. Gelingt aber eine Übersetzung, so findet jeder, daß sie so und nicht anders sein mußte. Ja, die gute Übersetzung zeichnet sich gerade durch eine Selbstverständlichkeit aus, die wiederum ihren Schöpfer um seinen Ruhm bringt.

Um so besser also, wenn man zum Vergleich einer ausgezeichneten andere mehr oder weniger gute Übersetzungen desselben Werkes heranziehen kann, um einmal den heilsamen Beweis zu erbringen: so selbstverständlich, wie es auf den ersten Blick scheint, ist eigentlich gar nichts an der guten Übersetzung.

Erich Fried, der seit 1938 in London lebt, der selbst Dichter ist und der sich nicht gern „als Übersetzer etikettieren“ läßt (obwohl er dieses Handwerk besser beherrscht als die meisten anderen, denkt man zum Beispiel an seine Übersetzung von Dylan Thomas’ „Unter dem Milchwald“) – Erich Fried also hat es unternommen, Shakespeare zu übersetzen. Als erstes den „Sommernachtstraum“. Später sollen „König Richard V.“ und „Macbeth“ folgen.

Im Theater der Freien Hansestadt Bremen fand vorige Woche die Premiere des „Sommernachtstraums“ statt.

Da mag nun der Zuschauer einmal an Hand der Übersetzungen Schlegels und Tiecks, aber auch Wielands und Gundolfs, nachprüfen, was es mit der schönen Selbstverständlichkeit auf sich hat. Der Beginn von Pucks Monolog im V. Alt, „Now the hungry lion roars“, heißt bei Fried ganz natürlich: „Hungrig brüllt der Löwe nun.“ Schlegel hat daraus ein „Durstig brüllt im Forst der Tiger“ gemacht, um in der übernächsten Zeile einen Reim auf „Pflüger“ zu haben. Unerfindlich bleibt immer noch, warum der Tiger durstig und nicht hungrig brüllt.

Wieland ließ die Stelle ganz weg, und Hans Rothe geht gleich zur nächsten Zeile über: „Mitternacht! die Wölfe heulen...“

Doch Frieds Übersetzung zeichnet sich nicht nur durch große Genauigkeit aus, geht nicht nur geschickt auf Shakespeares Wortspiele ein, sondern sie ist vor allem die poetischere im Vergleich zu den anderen. Fried hat gar nicht versucht, „modern“ zu übersetzen, sondern, so sagt er selbst, „wie es ein Mann zu Schlegels Zeit, aber mehr mit Goethes als mit Schlegels Sprachbegabung ... so ungefähr getan hätte“.