Alle Jahre wieder: Unsere Talente versprechen viel und halten wenig

Von Ulrich Kaiser

Dwight Filley Davis, Lieutenant-Colonel, 1870-1945“, heißt die Inschrift auf einem Grabstein in der Nähe von Washington. Ältere Diplomaten-Generationen erinnern sich: Er war unter Präsident Coolidge während der zwanziger Jahre Kriegsminister der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Es ist allerdings nicht diesem Umstand zuzuschreiben, daß sein Name heute Millionen Menschen in seinen Bann zieht, sondern mehr dem Einfall des 20jährigen Harvard-Studenten Davis, der im Jahr der Jahrhundertwende einen Pokal stiftete. Er nannte ihn die „Dwight Davis International Lawn Tennis Trophy“. Jährlich sollte er unter einigen tennisbegeisterten Studenten aus den USA und England ausgespielt werden. Das erste Treffen dieser Art kam auf den Plätzen von Longwood in der Nähe von Boston vom 8. bis 10. August 1900 zustande. Die Mannschaft der USA mit Dwight F. Davis als Spitzenspieler gewann 3:0. Fünf Jahre später beteiligten sich bereits außerdem Belgien, Frankreich, Österreich und Australien. Sieger war Großbritannien.

Heute spielen um den Davis-Pokal rund 50 Nationen. Man hat verschiedene Zonen eingerichtet. Eine in Amerika, eine in Asien und eine in Europa. Die Sieger aus diesen Gruppen spielen wiederum gegeneinander und der Gewinner darf schließlich die im Jahr vorher erfolgreiche Mannschaft herausfordern. Es ist eine inoffizielle Weltmeisterschaft wie man sie sich exakter und – grausamer nicht vorstellen kann.

Für Deutschland dauerte die Daviscup-Saison 1963 ziemlich genau neun Stunden. Dann hatten die beiden Studenten der Architektur und der Jura in Köln und Hamburg, Wilhelm Bungert und Christian Kuhnke, auf der Anlage des feudalen Hockey- und Tennis-Clubs in Köln-Müngersdorf gegen Spanien 2:3 verloren. Das bedeutet Ausscheiden und erneut Warten auf nächstes Jahr. Dieses Warten ist man gewohnt, denn der permanente deutsche Tennis-Frühling währt bereits seit dem Abtreten des Tennis-Barons Gottfried von Cramm vor einem dutzend Jahre. Seitdem dauern die Bestrebungen, an die glorreiche Vergangenheit anzuknüpfen, an. Die meisten Hoffnungen setzte man – und man setzt sie noch heute – auf die genannten Bungert und Kuhnke; dazu kommen noch der jüngste Sproßder Tennis-Familie Buding, Ingo, der Berliner Wolf gang Stuck und der Kölner Dieter Ecklebe. Mit Ausnahme von Ingo Buding alles Jahrgang 1939. Bereits als Junioren machte die Gruppe von sich reden, man sprach in den angelsächsischen Ländern, die im Welttennis tonangebend sind, von der „rising power in german tennis“ und hatte auch guten Grund dazu. Die jungen Deutschen zeigten auf großen Turnieren hervorragende Spiele, in denen sie von den jeweils regierenden Meistern zwar geschlagen wurden, aber sie hatten die Zukunft ja noch vor sich. So sagte man.

Von dieser Zukunft erhofft man sich heute noch einiges, obgleich sich nichts geändert hat. Bungert, Kuhnke, Stuck und so weiter sorgen immer noch für Gesprächsstoff, weil sie erst nach großem Kampf – geschlagen werden. Allerdings ist diese Zukunft inzwischen kleiner geworden, denn mit 24 Jahren gelingt es nur selten, noch die Schwelle zur Weltklasse zu überschreiten.

Von dem Jahr ‚1963 hatte man es eigentlich erwartet. Und der erste große Schritt sollte ein Sieg im Davispokal gegen Spanien sein. Auf der iberischen Halbinsel hat es in den letzten Jahren ein ehemaliger armer Balljunge aus der Madrider Vorstadt zu einigem Ruhm im weißen Sport gebracht. Er heißt Manuel Santana, ist ein Ballkünstler par excellence und eilte in diesem Frühjahr bereits in Amerika von Sieg zu Sieg. Der Schlachtplan, den man nun in der Mannschaft des deutschen Tennis-Bundes aufgestellt hatte, sah folgendermaßen aus: Bungert und Kuhnke würden ihre beiden Einzel gegen diesen Santana verlieren, beide zusammen sollten das Doppel gewinnen und die fehlenden beiden Punkte aus den Begegnungen gegen Spaniens zweiten Mann, Juan Manuel Couder, holen. In den neun Stunden, die das Kölner Treffen andauerte, stimmte diese Rechnung leider nur acht. Der chronologische Ablauf sah zunächst einen Sieg von Santana über Bungert, dann schlug Kuhnke den schnurrbärtigen Couder, Bungert/Kuhnke gewannen gegen die Brüder Jose Luis und Alberto Arilla, und schließlich unterlag der lange Hamburger Linkshänder Christian Kuhnke gegen den Wundermann Santana.