Frankreich – jeder weiß es – ist dafür be kannt, das Thema Liebe mit einer gewisse: Laxheit zu behandeln.

„Französische Romane“, dann „Französisch Theaterstücke“ und nun „Französische Filme taten alles, um den „schlechten“ Ruf des Lande zu fördern und zu erhalten. In den Boulevard Stücken rankt sich die Handlung oft um den Ehe brach, und die Szenen spielen ganz einfach ... in Bett. Was die Jugend betrifft, so zeigen uns die Filme, daß in Frankreich Jungen und Mäd chen beinahe mit dem Gähnen einer Langenweil lieben und die ganze Angelegenheit gar nicht für wichtig genug halten, um ihr einen zweiten oder dritten Gedanken zu widmen.

Dieses intime Miteinander ist für einen große Teil der jungen Franzosen hauptsächlich ein Spiel das manchmal Vergnügen, oft Ungeniertheit und Freiheit in sich trägt. Es ist heute vielleicht auch eine Frage der Mode, und weil man der Mode folgen will, tut man’s auch. Die Mädchen auf den Gymnasien fragen in den Pausen: Hast du schon ... ? Erzähle! Und sie sprechen von ihren Begegnungen, ihren Freunden, von ihren „Erfahrungen“ so, wie man über ein Kostüm oder über einen Rock spricht. Einige finden das „moche“ (fies), andere wunderbar: diese beiden Wörter fassen die Ausdruckslosigkeit ihres Vergnügens oder ihrer Enttäuschung zusammen.

Die Jungen handeln mehr aus Hochmut als aus Neugierde. L’amour c’est physique, die Liebe ist physisch, schrieb der französische Kritiker Paul Léautaud, und mehr und mehr bemerkt man, welche große Rolle das Bett in der Liebe spielt. Die jungen Franzosen sind davon sehr überzeugt, und nicht selten kann man die Bemerkung hören: „Ich werde nie jemanden heiraten, wenn ich es nicht vorher versucht habe.“

Letztlich wird diese Angelegenheit für Frankreich dadurch nicht vereinfacht, denn es ist ein katholisches Land, wo verhütende Mittel durch das Gesetz verboten sind und Geburtenkontrollen nur unter großen Schwierigkeiten vorgenommen werden können. So begeben sich viele junge Menschen in eine Ehe, die oft nach kurzer Zeit wieder geschieden wird. In der mittleren Generation versuchte man ein voreheliches Kind noch folgendermaßen als ehelich „zu erklären“: Es ist eine Frühgeburt – hervorgerufen durch einen „modernen Virus“, wie es die Ärzte ironisch nennen. „Virus“ oder „Mode“, eines steht fest: In Frankreich gehen die meisten Mädchen nicht als Jungfrau in die Ehe.

Zwischen diesen strengen Auffassungen einerseits und der Laxheit andererseits haben die Franzosen eine ausgewogene Haltung zur Sexualität gefunden. Allerdings ist diese offensichtlich nicht vollkommen. Obwohl die Franzosen die Ehe als Institution durchaus ernst zu nehmen gewillt sind, endet jede zehnte Ehe mit einer Scheidung.

Eine eingehende Umfrage erwies, daß die Mehrzahl der Französinnen den Verlust der Unberührtheit vor der Ehe als etwas sehr Schwerwiegendes empfinden.