Von German Kratochwil

Man sagt in Buenos Aires, der große Jorge Luis Borges sei schon völlig erblindet; er selbst bestätigt das gelegentlich, dann wieder dementiert er es durch einen Kinobesuch. (Von der elften Parkettreihe aus, sagt er, gelinge es ihm aus einem bestimmten Blickwinkel, die Leidenschaften oder die Langeweile der Leinwand zu genießen.)

Ich traf ihn, den größten Sonderling unter den Schriftstellern Südamerikas, vor Monaten in einer Buchhandlung der Calle Viamonte. Er musterte mit seinen großen grauen Augen, die in der Tat kaum noch etwas erkennen können, das Mädchen hinterm Ladentisch. Er bestellte zögernd, als seien ihm die Titel nicht ganz geläufig, zwei Bücher des Schriftstellers Jorge Luis Borges:„Ficciones“ und „Historia universal de la infamia“. Daß er mit dem Autor identisch ist, versucht er gelegentlich zu vergessen. An der Kasse legte er die Pesoscheine einzeln auf den Tisch und zählte sie mit erhobner Stimme auf deutsch. Bei siebzehn („sieben-zehn“ sagte er) blieb er stecken. Darüber kamen wir ins Gespräch.

Wir gingen an der Klostermauer gegenüber der Universität spazieren, die tausendfach mit Plakaten ganzer Generationen überklebt ist. Dieser tapsige und leicht unheimliche Mann, der mit Samuel Beckett 1960 überraschend den Internationalen Verlegerpreis bekam, ist nicht nur der einzige Argentinier, von dem das literarische Deutschland bisher Kenntnis nahm (seine Bücher erscheinen bei Hanser), sondern auch einer der wenigen Südamerikaner, die von deutscher Literatur ein nicht nur oberflächliches Wissen haben, Völlig unbekümmert um den brausenden Verkehr der Stadt Buenos Aires erzählte mir der nebenberufliche Altgermanist Borges auf diesem Spaziergang einiges über Schopenhauer und Gustav Meyrink – im gleichen Tonfall etwa, in dem man sich über nahe Verwandte verbreitet, mit denen man alljährlich zu Silvester Sekt trinkt. Auf dem kurzen Weg bis zur nächsten U-Bahn-Station nannte er voll Begeisterung noch Novalis und Kafka (den er ins Spanische übersetzt hat), und auf der langsamen Rolltreppe entwarf er noch schnell ein literarisches Panorama von Prag bis Genf, von der Mystik des Mittelalters bis zu den Bücherverbrennungen im Lustgarten. Dann entsch wand er mit unsicheren Schritten hinter der Kontrollsperre.

Die Buchhandlung, in der wir uns getroffen hatten, zeigte in ihrem Schaufenster ein Standphoto aus einem älteren argentinischen Film: Die junge Hauptdarstellerin liegt im Reiterdreß unter dem Eukalyptusbaum irgendeiner feudalen Estancia, sehr photogen in den Roman „La montana mágica“ von Thomas Mann vertieft. Das Buch hatte im Film die Mentalität einer jungen Frau zu verdeutlichen, die sich aus Langeweile ausgerechnet in der fernen und seltsamen Welt von Davos ergeht. Gewollt oder ungewollt traf der Drehbuchschreiber damit recht präzis die Ursache, die einen sonst ganz normalen Argentinier zum Lesen eines deutschen Buches bewegen mag: der Reiz des Exotischen. Wem es gelingt, sich mit sprunghaftem Eklektizismus in der germanischen Welt leidlich anzusiedeln, kann sich obendrein von der Masse der argentinischen Intellektuellen modisch abheben, er wird – je nachdem – für originell, aufgeschlossen oder reaktionär gelten, er wird wenigstens ein geistiges Kennzeichen zu bieten haben – selbst dann, wenn seine Belesenheit nicht über Werfel, Goethe, Remarque und Kafka hinausgeht.

Der Büchermarkt wird beherrscht von Paris, Mailand, New York und – in geringerem Maße – von London und Madrid. Betritt ein bemühter Leser einen der vielen Buchläden der quirlenden Calle Florida, wird ihm die Prix-Goncourt-Binde als hinreichende Garantie dafür erscheinen, daß er keine Niete zieht. Die Verleger deutscher Bücher haben es schwerer: die Gruppe 47, der Büchner-Preis oder gar die Kunstmedaille der Stadt Wanne-Eickel haben sich noch nicht bis Buenos Aires herumgesprochen. Aber mit etwas Glück kann der lesehungrige Bonaerenser neben den Werken von Jean Cau, Allen Ginsberg oder Juan Garcia Hortelano auch die „Verwirrungen des Zöglings Törless“ von Musil entdecken (ein Verdienst des wagemutigen Verlags SUR). Aus Opposition gegen die Vorlieben der Lesermasse, gegen die Prix Fémina, Nadal und Nobel, wird mancher Argentinier doch den Musil kaufen, mit abflauender Begeisterung in die Fremdheit des Österreichers eindringen, aber immerhin den Vorzug genießen, einer von nur tausend Lesern zu sein.

In Buenos Aires ist der geistige Snobismus besonders ausgeprägt, ein Ellbogenkampf um Originalität und Exklusivität kennzeichnet die ambitionierten Intellektuellen. Der Weg von Musil über Wiechert zu Hermann Broch und Max Frisch ist kaum eine Folge von brennendem Interesse, noch schlägt das deutsche Schrifttum den Leser am La Plata unwiderstehlich in seinen Bann; der Ehrgeiz, im Zuge der Selbstverwirklichung literarisches Neuland zu erschließen, und sei es noch so fremd und zäh – das allein treibt manchen Argentinier dazu, über Rilke hinaus (den man noch wie einen Franzosen goutiert) auch nach Georg Trakl und Gottfried Benn zu greifen.