Von Horst Krüger

In diesem Jahr wird die deutsche Linke hundert Jahre alt. Besteht ein Anlaß, dieses Ereignis zu feiern? Der Weg von dem Dreigestirn Marx-Engels-Lassalle bis zum Godesberger Programm und Willy Brandt markiert eine Entwicklung, die Siege und Triumphe, aber auch Niederlagen und geheime Tragödien in sich birgt. Sie ist nicht zu lösen von den unseligen Brüchen deutscher Geschichte; und immer wieder geriet die deutsche Linke in eine Krise. Ihre jüngste Krise soll, wenn man den Auguren von rechts glauben darf, die letzte sein: Die Linke existiere eigentlich nicht mehr, heißt es nun. Die linke Position sei altmodisch geworden, überholt.

Ist das alles, was vom Impetus der Linken übriggeblieben ist: die vergrämten Mienen einiger intellektueller Nonkonformisten? Hat die Linke nach der Emanzipation der Arbeiterklasse angesichts einer wachsenden Wohlstandsgesellschaft überhaupt noch eine politische Funktion, eine geistige Chance? Was ist das heute in der Bundesrepublik eigentlich – links?

Was es bei seiner Gründung im Jahr 1863 war, ist klar. Es war die von Marx, Engels und Lassalle inspirierte Bewußtseinseinheit einer entrechteten Klasse, die sich als „Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein“ anschickte, ihre Rechte zu erkämpfen. Proletariat und Kleinbürgertum, Intellektuelle und Landarbeiter – die kleinen Leute mit den großen Ideen des Sozialismus standen in einer klaren Front gegen das deutsche Großbürgertum und die Reste des Feudalismus: den Landadel, das Militär, die höhere Verwaltung, die Fabrikbesitzer. Das war eine eindeutige und überzeugende Situation. Die Linken waren die Habenichtse, die dieser Gesellschaft der strengen Standesunterschiede, der Privilegien, der sozialen Ausbeutung den Kampf ansagten. Ihre Hoffnung hieß Sozialismus. Ihre Farbe war rot.

Heute, hundert Jahre später, kann man von einer so eindeutigen Klassenlage nicht mehr sprechen. Die große industrielle Revolution, die nach den Vorhersagen des orthodoxen Marxismus den Klassenkampf verschärfen sollte, hat ihn – genau umgekehrt – unendlich abgeschwächt. Im Zeitalter der technischen Großgesellschaft wird als Fernziel ein Wohlstand für alle sichtbar, der die noch immer bestehenden Unterschiede der Schichten ihrer revolutionären Dynamik beraubt. Lohnkämpfe, Streiks, Aussperrungen finden statt; es sind wohl Reste des Klassenkampfes, aber sie spielen sich innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung ab. Interessenkämpfe sind an die Stelle von Revolutionsideen getreten.

Im Zeitalter der Vollbeschäftigung sieht niemand einen Anlaß, die funktionierende Struktur der Gesellschaft zu liquidieren. Sie wird in einem zähen Kleinkampf schrittweise revidiert. Der Kapitalismus ist aus den Krisen der zwanziger Jahre und aus dem Blutbad des Faschismus erneuert, modernisiert und erstaunlich stabil hervorgegangen. Er hat nicht zur Verelendung der Massen geführt, sondern umgekehrt in den entwickelten Industrienationen des Westens eine florierende Konsumgesellschaft entfaltet, die ihre Anziehungskraft für die Massen – auch für die hinter dem Eisernen Vorhang – täglich neu beweist.

Andererseits ist nicht zu leugnen, daß die klassischen Ideen des Sozialismus durch das russische Experiment östlich der Elbe bei uns schwer diskreditiert und in ihrem sozialutopischen Charakter wohl für immer disqualifiziert sind. Dieser sozialistische Versuch auf deutschem Boden hat schlecht funktioniert und nur eine graue Sozialisierung der Armut gebracht. Aus der Demokratie der kleinen Leute ist dort die handfeste Diktatur einer neuen Oberklasse entstanden, die all die gräßlichen Züge des preußischen Obrigkeitsstaates „sozialistisch“ erneuert.