R. F., Mannheim

Der Polizeimeister, 48 Jahre alt, seit achtzehn Jahren im Dienst, dortselbst in Ehren zwar noch nicht ergraut, doch immerhin schon kräftig meliert, wußte wohl zwischen Gut und Böse zu scheiden. Bösewichter müssen vor Gericht, war unabänderlich sein Grundsatz. Deshalb ist er nun selber vor den Kadi gekommen.

Die Geschichte begann an einem Freitag. Auf einer Baustelle zu Mannheim hatte jemand eine Bierkiste aufgebrochen. Ein paar Flaschen fehlten. Der Polizeimeister, von seinem Reviervorsteher entsandt, ging hin, den Tatbestand zu klären und den Täter aufzuspüren. Die Zeugenaussagen schrieb er in Stichworten in sein Notizbuch. Dann ging er zurück und ließ sich vom Polizeiarzt krankschreiben, denn es schüttelte ihn eine heftige Grippe.

Am Montag darauf jagte ihn der Schreck aus dem Bett. Er hatte die Anzeige vergessen. Trotz Grippeschauern raffte er sich auf und tippte sie. Die Zeugenaussagen formulierte er nach seinen Notizen. Dann ging er zur Baustelle, um die Aussagen unterschreiben zu lassen – so wenigstens behauptete er.

Die Anklage hätte den Dieb wahrscheinlich ins Zuchthaus gebracht, denn er hatte Einschlägiges auf dem Kerbholz. Doch die drei Zeugen, die vor dem Richter den Diebstahl bestätigen sollten, widersprachen dem Protokoll des Polizeimeisters. Sie hätten es doch schwarz auf weiß unterschrieben, hielt ihnen der Staatsanwalt vor. Mitnichten hätten sie das, sagten alle drei übereinstimmend. Das Gericht verurteilte den Delinquenten wegen Mundraubs und Hausfriedensbruchs zu zwei Wochen Gefängnis. Den nicht gegebenen, wohl aber vorhandenen Unterschriften der Zeugen ging indessen der Staatsanwalt nach.

Offensichtlich waren alle drei gefälscht Die Kripo lud ihren uniformierten Kollegen zum Verhör. Der Polizeimeister beichtete dem Kommissar: „Ich hatte nur die Absicht, einen Mann hinter Schloß und Riegel zu bringen, der vielfach vorbestraft, ohne Wohnsitz und eines Diebstahls dringend verdächtig war.“ Außerdem habe er die Sache schnell erledigen wollen, weil er – trotz Grippe – den Vorwurf seiner Vorgesetzten fürchtete, die Anzeige sei von ihm verbummelt worden.

Doch auch eines Polizeimeisters Gedächtnis scheint nicht von unendlicher Dauer zu sein. Vor Gericht jedenfalls behauptete er, das könne er der Kripo nie und nimmer gebeichtet haben. Wenn das in dem von ihm – diesmal zu Recht – unterzeichnete Protokoll solchen Inhalts sei, dann liege eben ein Mißverständnis des Kollegen vor. Der Staatsanwalt allerdings nannte das schlicht eine Ausrede. „Wohin führt es“, fragte er, „wenn wir uns nicht darauf verlassen können, ob Zeugenprotokolle der Polizei wirklich echt sind?“

Auch das Gericht dachte so und verurteilte den Polizeimeister wegen Urkundenfälschung zu vier Monaten Gefängnis. Mit Bewährung. Denn auch das Gericht weiß Gut und Böse wohl zu scheiden, wie eben jener Ordnungshüter. Nur will es Bösewichte nicht, wie er, aus Grundsatz im Gefängnis wissen.