Die "Panorama"-Sendung hat, so lange sie existiert, Anstoß erregt – bei den Fernsehern oder im Fernsehhaus, am zuverlässigsten aber bei Berufsorganisationen, Parteien, Ministerien und bei Amtsstellen aller Art. Ich wüßte ein Lied davon zu singen, denn ich habe sie lange Zeit selber gemacht. Weil aber diese dem englischen Beispiel frei nachgeahmte Sendereihe des NDR-Fernsehens Hamburg von Anfang an auch beim Publikum entweder leidenschaftliche Zustimmung oder wilde Ablehnung hervorrief, gab es von jeher die Frage, wie lange Zeit sich ein "Panorama"-Mann halten würde.

Ein sicheres Ruhekissen wird einem Fernseh-Mitarbeiter viel eher durch gepflegte Langeweile verbürgt. Aber lieblich-sanft war die Landschaft nie, die "Panorama" zeigen wollte; kein Mond gähnte. Attackieren, das ist sozusagen das Stilprinzip. Und weil dies so ist, zählte jeder Irrtum doppelt oder vierfach schwer. Je heißer das "Panorama", desto kälter die Luft im Kreise der Betroffenen. Und schließlich hat der Mann, der unter dem Motto "Panorama" die größten Erfolge einheimste, weil er der Couragierteste war, denn auch die knalligste Ohrfeige hinnehmen müssen: Gert von Paczensky.

Auf dem Fernseh-Gelände in Hamburg-Lokstedt ging von ihm die rühmliche Rede, daß er ein "umgekehrter Radfahrer" sei: Er trat nach oben, nicht nach unten. So bekömmlich solche Angewohnheit für die Demokratie ist, so unbekömmlich ist sie für den, der tritt. Jetzt mußte jeder Irrtum, den er machte, jeder falsch gesetzte Akzent, jede leicht getrübte Nuance als zehnfache Übeltat zählen. Weil er dem großen Publikum gefiel, wurde er "fällig".

Oh, es war manch grobes Geschoß, das Paczensky losfeuerte. Einmal beschwerten sich die Franzosen, weil "Panorama" bei einer Schilderung des mit Recht "schmutzig" genannten algerischen Krieges die Schandtaten gewisser französischer Einheiten deutlich ins Bild gebracht, die der algerischen Freiheitskämpfer jedoch im Schatten gelassen hatte. Ein anderes Mal ereiferten sich die Belgier, weil eine "Panorama"-Sendung über den Kongo, über Hammarskjöld und Lumumba hielt, was ihr Titel versprochen hatte: "Der Tod kam wie bestellt". Die Schüsse saßen vielleicht nicht immer ganz genau. Anders war es, als Paczensky den "Spiegel"-Fall kommentierte: Ein Eiferer für Wahrheit, Freiheit und Demokratie. So hart er damals kritisiert wurde, so sanft war jetzt seine Verabschiedung.

Der in Hannover vor einigen Tagen versammelte Verwaltungsrat des Norddeutschen Rundfunks verlängerte entgegen dem Vorschlag des Intendanten Schröder den Vertrag mit Paczensky nicht. Dabei ähnelte das Verfahren jener Methode, mit der im Bundestage zu Bonn unlängst das "Röhrenembargo" gegen die Sowjetunion durchgesetzt worden war. Denn die vier CDU-Mitglieder des Verwaltungsrates weigerten sich, den Wünschen der vier sozialistischen Angehörigen auf eine Abstimmung nachzukommen. Beschlußunfähigkeit. Kein grober, kein dröhnender "Abschuß"; leise wurde dem "Panorama"-Mann der Teppich weggezogen, ganz leise, wobei man ihn als tüchtigen Journalisten und Funkmann, als aufrechten Charakter lobte; bloß – er könne keine Redaktion leiten; diese Fähigkeit ginge ihm leider ab.

Wundert es diese Herren, die vom Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, Will Rasner, Schützenhilfe erhalten, daß jetzt der Gegenchor erschallt: "Skandal!"? Die vier Herren, die das Amt des Fernseh-Redakteurs nur vom Zuschauen kennen, hätten mit dem Anmarsch derer rechnen müssen, die Gert von Paczensky jetzt zornentbrannt zu Hilfe eilen, darunter auch solche, die nicht immer mit seinen "Panorama" Sendungen einverstanden waren. Sollten die Herren in ihrer stillen Aufregung nicht gemerkt haben, daß sie bei ihrem Urteil über Paczensky ein "Also" anstatt ein "Aber" hätten setzen müssen? Tüchtiger Journalist, aufrechter Charakter, also geeignet, eine Redaktion zu führen!

"Panorama" wird vielleicht auch ohne Paczensky nicht sterben; doch sollte man sich Mühe geben, daß er ihm erhalten bleibt. Denn für fünf Mark im Monat können die Millionen der Fernseher das Salz persönlicher Meinung verlangen – sei sie auch noch so verwegen vorgetragen.