Die letzte Wahlkampftournee des Kanzlers Adenauer – „Der Alte“ ist nicht mehr der alte

Ungewöhnlich war es, daß ausgerechnet ein

kleines japanisches Schulmädchen dazu ausersehen war, ihm auf dem Flugplatz in Bremen ein paar Tulpen zu überreichen. Ein purer Zufall mag es auch gewesen sein, daß drei Düsenjäger hoch über dem Rollfeld in den blauen Himmel donnerten, als seine Bundeswehr-Maschine auf der Betonpiste aufsetzte und die Gangway herangeschoben wurde. „Sein Flugzeug hat noch niemals Begleitschutz gehabt“, meinte einer aus seinem Gefolge. Und für ein Wunder mögen es viele halten, die ihm dann in den Städten und Dörfern zuhörten, wie aufrecht er noch vor den Mikrophonen stand, wie energisch zuweilen seine Stimme aus den Lautsprechern drang, wie tapfer er der Hitze und dem Wind trotzte.

Sonst aber gab es nichts, worüber seine Freunde und Anhänger erstaunt gewesen wären. Die 24stündige Wahlkampftournee des 87jährigen Konrad Adenauer durch das nördliche Niedersachsen unterschied sich kaum von den Auftritten der CDU-Lokalmatadoren.

Fahnen und Märsche

Es gab Fahnen. Da und dort spielte eine Blaskapelle einen Marsch auf. Man klatschte dem Kanzler zu, wenn er aus seiner schwarzen Limousine kletterte oder wenn er von dem Rednerpodium herunterstieg. Einige riefen auch schon einmal: „Richtig“, wenn er auf die harte Arbeit der Landwirte zu sprechen kam, wenn er – jeweils am Schluß seiner kurzen Ansprachen – mit einem Satz auch noch die Wiedervereinigung als das „vornehmste Ziel unserer Politik“ erwähnte und, mit erhobenem Zeigefinger, versprach: „Sie muß und sie wird kommen, meine Damen und Herren.“

Sobald er aber versuchte, der Sozialdemokratie etwas am Zeuge zu flicken, „auch wenn sie hundert Jahre alt ist“, rührten lediglich die Ordner von der Jungen Union die Hände und jene ergrauten Zuhörer in den ersten Reihen, für die vorsorglich Stühle bereitgestellt worden waren. Die übrigen jedoch blieben stumm, und es waren die meisten Zuhörer – ob in einem Dorf des Alten Landes, ob auf dem Rathausplatz in Lüneburg. Auch in Uelzen, wo das radikale Landvolk heftig protestieren wollte, blieb es bei einem einzigen bösen Zwischenruf. Von der Aktion der grimmigen Bauern hatten die Gendarmerie und die Bonner Sicherungsgruppe – die Leibwächter des Kanzlers – schon tags zuvor Wind bekommen: Der Marsch der Radikalen zu Adenauers Kundgebung wurde verboten. Und dabei blieb es. Die letzte Wahlkampfreise des Bundeskanzlers Konrad Adenauer war alles in allem, eine Reise ohne Höhepunkte. Wo waren die Glanzlichter, die der sonst so streitlustige pfiffige Kämpe ehedem seinen Landtagswahlschlachten aufsetzte?