Unter den organisierten Sportindustrien Großbritanniens ist der Rennsport der älteste und auch noch immer populärste, da er durch seine Verbindung von sportlicher Leistung, Wettmöglichkeit und Gewinn dem englischen Sportempfinden aller Klassen am besten entspricht. Es gibt kaum eine Stadt von einer bestimmten Größe an, die nicht ihre eigene Rennbahn besitzen würde. Die „Season“ beginnt mit der Derbywoche in Epsom, kulminiert in Ascot und klingt färben- und ferienfreudig in Goodwood aus. Es gilt in England nicht als Makel, sich einen Rennstall zu halten. Der Staat besitzt ein Gestüt, die Königin, die Königin-Mutter, die Princess Royal ihre eigenen Rennställe. Während es sich in Deutschland kaum vorstellen läßt, daß sich Minister und Abgeordnete ihre eigenen Rennpferde halten, so ist dies in England selbstverständlich. Sir Winston Churchill verfolgt noch immer das Abschneiden seiner Pferde am Fernsehschirm. Kein Bankier, kein Industrieller, kein Kaufmann würde an Kredit einbüßen, wenn er sein Vermögen der „glorreichen Unsicherheit des Turfs“ widmen würde. Es sähe um den deutschen Rennsport wesentlich besser aus, wenn sich mehr Leute von Rang und Namen Rennpferde halten würden.

Bedauerlicherweise sieht sich der Rennsport in England einer Reihe von ununterbrochenen Doping-Skandalen ausgesetzt. Rennpferde werden von Banden dem Turf fernstehender Spekulanten daran gehindert, ihr ganzes Können einzusetzen indem ihnen verbotene Mittel einverleibt werden oder sie bekommen urplötzlich das große Laufen, das ihrer bisherigen Rennform völlig widerspricht. Die oberste englische Rennbehörde ist jetzt dazu übergegangen, sich ihre eigene Sicherheitsabteilung zu halten, die Hand in Hand mit einer Spezialgruppe von Scotland Yard arbeitet, um die Buchmacher, Mittelsmänner und Doping-Experten zu fassen und ihnen gerichtlich ihr unsauberes Handwerk zu legen. Die Organisation und Überwachung des englischen Rennbetriebes liegt in den Händen des Jockey Clubs, der gerade zweihundert Jahre alt geworden ist.

Er ist neben dem Internationalen Olympischen Komitee die einzige sportliche Institution auf der Welt, die sich durch eigene Nachwahlen ergänzt. Man kann nicht Mitglied werden, man kann nur hineingewählt werden. Diese Prozedur weist auf die aristokratischen Ursprünge des Turfs im achtzehnten Jahrhundert hin, die erneut bestätigen, wie es auch der Fall mit dem Amateurbegriff ist, daß die ersten Regulationen im modernen Sport dazu dienten, die Massen fernzuhalten und das Vergnügen am Sport einer kleinen Elite zu sichern. Im Jockey Club hat seither niemals eine grundsätzliche Reform stattgefunden, sehr bezeichnend für die englische Haltung, lieber Institutionen durch einen empirischen Zufall ins Leben zu rufen als sie bewußt zu begründen.

Als der Club von Grundbesitzern und Aristokraten begründet wurde, bedeutete das Wort „Jockey“ noch nicht einen professionalen Rennreiter, sondern ganz allgemein einen Menschen, der an Pferden interessiert war. Da sich die wertvollsten Rennen damals auf der Heide von Newmarket abspielten, so begann der Club die dortigen Veranstaltungen zu kontrollieren. Sein Ruf und Ansehen wuchs schnell genug, um andere Rennvereine zu bewegen, ihre umstrittenen Entscheidungen dem Jockey Club zu unterbreiten. Seit fast hundert Jahren können in England überhaupt nur Flachrennen veranstaltet werden, die nach den Regeln des Jockey Clubs abgewickelt werden. Drei Präsidenten leiten die Geschäfte, von denen einer den Vorsitz führt, das letzte Wort bei Entscheidungen hat und jeden Dezember seinen Nachfolger nominiert.

Seit fast 200 Jahren hat sich der Jockey Club die Firma Weatherby engagiert, um den eigentlichen Rennbetrieb durchzuführen und den offiziellen Rennkalender zu veröffentlichen. Der Jockey Club besitzt absolute Vollmacht über Besitzer, Trainer und Jockeys und kennt keinerlei Berufungsinstanz gegen seine Entscheidungen. Gegen diese autoritäre Position richtet sich eine erhebliche Opposition, die den Club als einen Anachronismus bezeichnet, der gesellschaftlichen Zwecken folgte, als der Turf einen gesellschaftlichen Zeitvertreib vorstellte, während er heute eine gewaltige moderne Industrie verkörpert. Aber bisher hat sich noch jeder Reformvorschlag als undurchführbar herausgestellt, zumal die englische Turfwelt mit der geleisteten Arbeit durchweg zufrieden zu sein scheint. Der Jockey Club besitzt 50 Mitglieder, zu denen allerdings nicht immer jene gehören, die eigentlich Mitglieder sein sollten, ein weiterer Vorwurf, den man immer wieder hören kann. Solche bedeutenden Züchter und Rennstallbesitzer wie die Millionäre, wie der Aga Khan und Sir Victor Sassoon, sind niemals Vollmitglieder geworden, obwohl sie vielleicht mehr von der Pferdezucht und dem Rennbetrieb verstanden als der damalige Rest des Jockey Clubs.

Der heutige Club ist gegenüber öffentlicher Kritik sehr hellhörig. So hat man eine Pressekonferenz eingerichtet und dafür gesorgt, daß die Gründe für die Suspendierung von Jockeys sofort bekannt gegeben werden. Natürlich sind auch moderne Neuerungen, wie etwa das Photofinish, die Speichelprüfung auf Drogen und jener Film, der jedes Rennen aufnimmt, um entwickelt sofort unsauberes Reiten oder andere Vergehen feststellen zu können, längst eingeführt worden. Die Einführung der Wettbüros und der staatlichen Rennwettenverwaltung haben den Jockey Club dazu gebracht, enger mit der Züchtervereinigung, der Besitzer- und Trainervereinigung zusammenzuarbeiten. Aber es bleibt doch ein eklatanter Beweis für die Durchschlagskraft des empirischen Arguments, daß der Jockey Club im Grunde genommen seit 200 Jahren unverändert geblieben ist, eine Zeitwidrigkeit scheint und doch mit der Zeit unauffällig mitgegangen ist, um auch heute noch souverän den wichtigsten englischen Sport durch einen Club von 50 Mitgliedern zu kontrollieren. Damit wird man seinen Namen vergeblich in der Liste der offiziellen Sportbehörden Englands suchen. So demokratisch ist man allerdings noch nicht geworden. Alex Natan