Von Heinrich Burger

Nach jahrelangem Auf-der-Stelle-Treten ist in die Diskussion um die Umsatzsteuerreform plötzlich Bewegung gekommen. In einem geradezu atemberaubenden Tempo hat die CDU-Fraktion in wenigen Wochen wichtige Grundsatzentscheidungen durchgepeitscht; in Tag- und Nachtarbeit hat der neue Bundesfinanzminister von seinen Referenten einen Regierungsentwurf zur Einführung der Mehrwertsteuer erstellen lassen; nur in einem einzigen Tag wurden die anderen Ministerien zu diesem Entwurf gehört, und „die Wirtschaft“, vertreten durch ihre Verbände, soll nun bis zum 17. Mai ihre Meinung sagen. Aber noch sind viele Vorurteile abzutragen, die auf mangelnder Kenntnis des Mehrwertsteuersystems beruhen. Auch gewisse Schwierigkeiten müssen erkannt und vermerkt werden, die mit einem solchen Systemwechsel nun einmal verbunden sind.

Wichtig ist es zunächst, sich bei der Diskussion um Umsatzsteuern die Unterschiede zwischen Steuerzahlung und Steuerbelastung klarzumachen. Wer eine Steuer „zahlt“, braucht sich durch sie dann nicht „belastet“ zu fühlen, wenn er einen anderen findet, der ihm diese Steuer wieder vergütet. Eine derartige „Überwälzung“ der Steuerlast spielt übrigens auch schon bei dem heute geltenden Umsatzsteuersystem eine große Rolle. Die Umsatzsteuer ist ein „echter“ Kostenfaktor und wird auf jeder Wirtschaftsstufe vom Verkäufer auf den Käufer (also auf die nächste Stufe) weitergewälzt – bis hin zum letzten Verbraucher. Darin besteht ja gerade die vielgeschmähte Kumulationswirkung der bei uns praktizierten Allphasen-Bruttoumsatzsteuer; sie „häufs“ sich von Stufe zu Stufe – über Produktion, Großhandel und Einzelhandel – auf, bis sie den letzten Verbraucher mit voller Wucht trifft. Nur vollzieht sich diese „Kumulation“ unsichtbar, weil niemand dem Preis ansehen kann, wieviel Umsatzsteuer in ihm enthalten ist.

Das Mehrwertsteuersystem funktioniert dagegen ganz anders:

Hier wird die Steuer neben dem Preis ausgewiesen, geht also nicht in den Preis ein. Auf den Rechnungen wird die jeweilige Steuer offen deklariert, so daß jedermann erkennen kann, wie hoch der Anteil der Steuer ist.

Dies allein macht schon – betriebswirtschaftlich gesehen – eine völlige Umstellung der bisherigen Kalkulationsmethoden und damit der Preisermittlung nötig.

Darüber hinaus führt die Mehrwertsteuer aber auch zwangsläufig zu einem völligen Umbau des volkswirtschaftlichen Preisgebäudes. Die Umsatzsteuerzahlungen werden nach dem Maß der jeweiligen Wertschöpfung völlig neu über die ganze Wirtschaft verteilt. Dort, wo sich gegenwärtig die Umsatzsteuer – weil die betreffende Ware mehrere Produktionsstufen durchläuft – zu hohen Prozentzahlen kumuliert, tritt für den Endverbraucher eine Entlastung ein; bei jenen Erzeugnissen, die nur wenige Stufen zu durchlaufen haben, ist demgegenüber mit einer entsprechenden Mehrbelastung zu rechnen.