Atlanta, Georgia, im Mai

Der amerikanische Traum ist nicht vollendet, solange dem amerikanischen Neger Freiheit und Gleichheit vorenthalten werden.“ Der schwarze Prediger spricht in schwingenden Sätzen. Mühelos formuliert er, was er denkt und fühlt, was seine Gemeinde denkt und fühlt. Kommunikation der Seelen, Begeisterung – in der Ebenezer-Kirche von Atlanta ist das zum Greifen nahe.

Dr. Martin Luther King spricht ohne Konzept, ohne Vorbereitung, ohne einen, einzigen Augenblick des Stockens, der nachlassenden Intensität. Dieser Mann ist einer der ganz großen Redner unserer Zeit. Wenn ihn nicht ein Polizeiknüppel unglücklich trifft, ein Polizeihund verletzt, eine Gefängnishaft entmutigt, wird er als einer der wirkungsvollsten Führer einer Minderheit in die Geschichte eingehen.

„Ich kam gestern abend aus Birmingham, um meine Frau, meine vier Kinder übers Wochenende zu sehen und um einmal zu schlafen. Meine Nächte in Alabama waren oft nur zwei Stunden lang. Es ist nicht leicht, Tausende von Demonstranten zurückzuhalten, wenn unser Prinzip der Gewaltlosigkeit durch Gewaltsamkeiten auf eine so harte Probe gestellt wird. Ein Reporter der Zeitschrift Newsweek sagte mir: ‚Ich habe Oxford in Mississippi mitgemacht und Albany, Little Rock und viele der üblen Dinge – Birmingham war am schlimmsten.‘

Die Frau meines Assistenten wurde zusammengeschlagen, liegt im Krankenhaus; sie hat vier Kinder. Es sind finstere Tage, wenn Männer Frauen niederschlagen. Ich muß zurück nach Birmingham. Letzte Nacht fielen dort Bomben. Das Haus meines Bruders und das Motel, wo wir unser Hauptquartier haben, wurden getroffen. Wir werden weiter demonstrieren und singen und beten. Wir werden alles tun, um die Übereinkunft einzuhalten, die wir mit der weißen Bürgerversammlung von Birmingham getroffen haben. Es kommt darauf an, die Extremisten auf beiden Seiten zurückzuhalten. Amerika muß verstehen lernen, daß es sich selbst schlägt, wenn es uns schlägt. Alle Menschen sind Brüder, alle Amerikaner sind eine Nation – schwarz oder weiß.“

Das alles sagt der Pastor aus der Auburn Street in Atlanta in nüchternem Berichtston. Die Predigt, die großen schwingenden Sätze – das beginnt erst, wenn er über den Sinn einer christlichen Erziehung spricht.

Martin Luther King ist Baptist. Die Religion Jesu Christi – wo wäre sie heute lebendiger, als in den Kirchen der schwarzen Christen des amerikanischen Südens? Noch die Großeltern der Generation des Pastors King waren Sklaven. Sie übernahmen den Glauben ihrer Peiniger. Sie haben noch einmal die Kraft entdeckt und erschlossen, die in der Lehre von der Nächstenliebe und der Gottesebenbildlichkeit des Menschen lebendig ist.