London, im Mai

Es ist eine lange Fahrt von der City gegen Osten. Whitechapel, Stepney, Poplar, West Ham, East Ham, Barking: das graue Häusermeer mit Dockarbeiterwohnungen, jüdischen Schneiderwerkstätten und Lagerhäusern, Tankstellen und Fabriken, alten Slumstraßen und neuen, von der Gemeindeverwaltung errichteten Wohnbauten. Plötzlich ändert sich das Bild: An die Stelle des vom Zufall diktierten Durcheinanders von Verfall und Aufbau tritt die geplante Einheitlichkeit eines geometrischen Siedlungsmusters. Wir sind in Dagenham.

Es ist die größte Wohnsiedlung der Welt. 90 000 Menschen leben hier in 27 000 Einfamilienhäusern, schmucken, geradlinigen Backsteinquadern, deren Ziegelrot vier Jahrzehnte mildtätig mit einer dunklen Patina bedeckt haben. Sie stehen stramm in Reih und Glied, wie Soldaten in einem überdimensionalen Kasernenhof, wiewohl bei der Planung der gigantischen Wohnkolonie unzulängliche Versuche unternommen wurden, totale Monotonie zu vermeiden: Hier und da weist eine Straße eine leichte Krümmung auf, kurze, in winzigen Rondells endende Sackgassen lösen die unentwegt über das Gelände marschierenden doppelreihigen Häuserkolonnen in kleinere Einheiten auf, die Schrägung der Dächer und die Farbe des Mauerwerks zeigen kleine Verschiedenheiten.

Aber trotz dieser Varianten, trotz der Rosenbüsche und Zierkirschen in den Vordergärten ist der Eindruck trostloser Eintönigkeit geradezu überwältigend. Das Land, auf dem Dagenham liegt, ist flach wie ein Eislaufplatz, und der Blick, der hilfesuchend nach der fernen Silhouette einer Hügelkette sucht, begegnet nur den auf den Giebeln hockenden Schornsteinen und Fernsehantennen und dahinter den zwei schimmernden Gasbehältern der Ford-Werke an der Themse-Mündung.

Dagenham gilt heute als eine Monstrosität. Als es vor vierzig Jahren erbaut wurde, bejubelte man es als eine soziale Großtat. Der Erste Weltkrieg hatte – so wie eine Generation später der Zweite – die Gewissen aufgerüttelt und die Londoner Stadtverwaltung zu einem gigantischen Versuch der Slum-Sanierung angespornt. Den Familien, die aus den übervölkerten East-End-Elendsquartieren mit ihren jeder Beschreibung spottenden sanitären Verhältnissen in die neue Stadtrandsiedlung verpflanzt wurden, erschienen die kleinen Häuser als der Inbegriff allen Luxus’.

Aber die Männer, die für die Planung von Dagenham verantwortlich waren, beabsichtigten mehr, als diesen Menschen bloß das zu geben, was ihnen bisher gefehlt hatte: Ein Heim, das sie mit niemandem teilen mußten; eine helle Küche mit fließendem Wasser; ein Badezimmer und WC; elektrisches Licht und – oh, köstlichster aller Schätze! – einen eigenen Garten. Sie waren Sozialreformer, denen eine kühne Vision vorschwebte, und diese Tatsache gibt dem Experiment seine besondere Faszination.

Was die Schöpfer von Dagenham planten, war eine Stadt ohne soziale Spannungen. Soweit dies in einem naturgemäß beschränkten Rahmen möglich war und soweit dies überhaupt in der Macht von Städtebauern und Architekten lag, sollte in dieser „Community“ die Entstehung von Klassenunterschieden verhindert werden. Daher die Einförmigkeit der Häuser, daher die Gleichheit der Wohnform, der sich das Häuflein von Beamten und Kaufleuten ebenso fügen muß wie die die überwiegende Mehrheit bildenden gelernten und ungelernten Arbeiter. Und daher auch die im Grunde statische Konzeption dieser Stadtrandsiedlung, die kein späteres Wachstum zuließ.