Sukarno vernachlässigte die Wirtschaft, aber er schuf eine Nation

Der Zauber der indonesischen Nacht ist ohnegleichen. Schwere Düfte von Jasmin und Lotos betäuben den Reisenden, lassen ihn romantischen Träumen verfallen: Dies ist für ihn jenes irdisches Paradies, an das er als Kind dachte, wenn sein Finger über den Namen „Insulinde“ auf einem alten Atlas glitt.

Die Tropennacht, deren Lied die Zikaden singen, verliert ihren Reiz auch für den nicht, der sie, eingehüllt von der härteren Melodie der Motoren, 3000 Meter höher erlebt. Aus violetter Dämmerung gleitet das Flugzeug über dem indonesischen Archipel ins Dunkel, bis wenig später unter sternklarem Himmel, an dem das Kreuz des Südens steht, das Spiegelbild des Mondes über das Wasser huscht. Sein Widerschein glänzt auch dann noch vom Wasser herauf, wenn längst die Küste der Insel Java überflogen ist: Reisfelder. Ein Paradies also.

Ein Paradies?

Am Tage, unter einer brennenden Sonne, die den Einheimischen nur ein bißchen weniger lähmt als den Fremden, enthüllt sich eine andere Wirklichkeit. Und diese indonesische Wirklichkeit des Jahres 1963 ist ganz und gar unromantisch. Sie läßt sich viel eher skizzieren durch so fatale Vokabeln wie „Wirtschaftlicher Notstand“, „Verschuldung“ und „Hunger“. Wer sich allerdings auf den äußeren Augenschein bei kurzem Besuch verläßt, wer ein paar ärgerliche Erlebnisse („Nichts hat geklappt!“) über Gebühr auf sich wirken’ läßt, mag leicht dazu kommen, das Verdikt so mancher enttäuschter Indonesien-Reisender zu wiederholen: „Dieses Land hat die Chancen der Freiheit verspielt, hat nationalistische Großmannssucht vor die Notwendigkeit harter und systematischer Aufbauarbeit gestellt, hat sich im politischen Spiel in die Fänge des Ostblocks begeben – aus denen es nun kein Entrinnen mehr gibt.“

Dies ist ein schroffes Urteil, das, wenn es sich auch mit Argumenten und Fakten belegen ließe, dennoch nicht richtig würde. Denn die Pauschalverdammung wandelt sich in kritisches Verständnis (oder verständnisvolle Kritik), sobald man davon abläßt, nur die Negative zu summieren, und versucht, die Schwierigkeiten zu ermessen, die dieser Nation mit in die Wiege gelegt wurden – diesem Paradies, das beschloß, ein moderner Staat zu werden.

Am Westzipfel der menschenüberfüllten indonesischen Hauptinsel Java (450 Einwohner pro Quadratkilometer – in der Bundesrepublik: 220) liegt die von schlecht verdienenden, schlecht ernährten, Menschen durchquirlte Metropole Djakarta, die in holländischen Kolonialzeiten – unter dem Namen Batavia – ihr Hauptstadtdasein als gesichtslose und ein wenig träge Kaufmannssiedlung begann.