Sex in Polen ist — wie das Land selbst — ein Gemisch aus westlicher Nüchternheit und slawischer Offenheit und Melancholie. Vor allem aber ist er romantisch und charmant. Noch heute erzählt man sich mit großem Vergnügen Anekdoten aus der Zeit, als polnische Truppen, während des letzten Krieges in England stationiert waren. Keiner der männlichen Inselbewohner war sich mehr seiner Frau, Tochter oder Verlobten sicher. Das klingt übertrieben, aber alle diese Erfolge in der Eroberung langbeiniger und ein bißchen kühl veranlagter Engländerinnen wurden nur auf den dabei angewandten Charme zurückgeführt. Achtzehn Jahre Volksdemokratie haben weder den verführerischen Talenten der Männer noch dem Sex Appeal der Frauen Abbruch getan. In Polen — in Warschau vor allem — liebt man nervös und ziemlich planlos, das heißt: ohne Berechnung. Wozu auch? Es gibt keine Gutsituierten — alle sind sie mehr oder weniger arm. Kein Mädchen wird durch eine Brieftasche verlockt. Die traurige wirtschaftliche Lage zwingt die Frau, einen Beruf zu haben, und sie arbeitet auch dann, wenn ein Baby unterwegs ist. Deshalb wird nur aus Liebe geheiratet; oft schon sehr jung — mit achtzehn ist man in Polen volljährig. "Wenn man uns das Wahlrecht gibt, warum sollen wir dann nicht auch die Liebe betreiben", sagt die Jugend. Man liebt sich, heiratet und wird nicht selten nach zwei Jahren wieder geschieden. Zahlreiche Meinungsumfragen ergaben ein kleines Kuriosum. Die polnischen Mädchen legen bei der Wahl ihres Zukünftigen den größten Wert auf — seine Ausbildung, außer der erwähnten Liebe natürlich. Aber auch immer mehr Männer wünschen sich keine "galla domestica" zur Frau. In achtzig Prozent aller Heiratsannoncen steht es ganz deutlich: "Höhere Ausbildung erwünscht, höhere Ausbildung erforderlich Am meisten gefragt sind Journalisten, Ingenieure, Ärzte und Künstler. Der in der westlichen Welt so geschätzte Beruf des Beamten, Juristen und Kaufmanns findet bei jungen Polinnen keinen Gefallen. Die Moral der Jugend in großen polnischen Städten ist im Grunde die gleiche wie in westlichen Großstädten. Vorehelicher Verkehr ist die Regel. Allerdings haben junge Liebende in Polen mit ungleich schwierigeren Wohriungssituationen zu kämpfen als ihresgleichen im Westen. In kühlen Jahreszeiten wird das zu einer Tragödie, um so mehr, als es eigene Wagen nur in Träumen gibt. Kommt aber der Frühling, so sieht man auf Ausfahrtsstraßen Tausende von Motorrädern ins Grüne fahren. Offiziell nennt man das: "Die Liebe im Freien".

Der Staat mischt sich nicht in das Treiben der Jugend ein. Gewissensbisse wegen der Wirtschaftsmisere und der Wohnungsschwierigkeiten veranlaßten aber die zuständigen Behörden, der übermäßigen Geburtenzahl den Kampf anzusagen. Die pharmazeutische Industrie wurde zur Produktion verschiedenster empfängnisverhütender Mittel für Frauen und Männer gezwungen. Die Mittel sind billig, und es gibt sie nicht nur in Apotheken zu kaufen, sondern auch an Zeitungskiosken. Wer dabei kein Vertrauen zu den Erzeugnissen der sozialistischen Wirtschaft hat, kann zu importierten Mitteln greifen. Das kostet allerdings dann das Fünffache. Krankenhäuser nehmen außsrdem kostenlos Abtreibungen vor. Es genügt, dort hinzugehen und eine entsprechende Erklärung zu unterschreiben. Der Eingriff wird freilich unter nur geringer Betäubung vorgenommen — vor allem, um abzuschrecken. Wie man sich auch immer g?liebt haben mag, fast immer folgt der Zivilehe die kirchliche Trauung, Einfluß auf das Sexualleben hat die Kirche jedoch nur noch in Kleinstädten und auf dem Lande. Siebzehnjährige Liebespärchen et regen in Warschau kein Aufsehen mehr. Auf dem lande dagegen kann es passieren, daß ein heftiger Pfarrer einer Braut, deren Unschuld am Tage der Trauung im Dorfe zweifelhaft erscheint, den Jungfrauenkranz vom Kopfe reißt.

Es fällt auf, daß sich mit den Sexualproblemen der Jugend fast ausschließlich die ältere Generation beschäftigt. Eltern, Erzieher und Geistliche ringen die Hände. Die Zeitungen sind voll von psychologischen und soziologischen Analysen wie auch von heftigen Polemiken zwischen kommunistischen und katholischen Auffassungen zu diesem Thema. Eine bekannte Satirikerin beschränkt sich seit Jahren auf dieses Gebiet mit großem Erfolg. Die polnische Jugend steht diesen Dingen gleichgültig gegenüber.

Sie konzentriert sich vor allem darauf, ihrer Liebe einen Hauch von Traurigkeit zu geben. Der Anblick eines jungen Paares mit unendlich traurigen Gesichtern, das eng umschlungen spazierengeht, ist typisch für die polnische Landschaft wie Trauerweiden und Pferdefuhrwerke. Die Verzweiflung und die Tränen, der Abschied und die unglückliche Liebe, die in den letzten zehn Jahren in polnischen Schlagern besungen wurden, decken zweifellos den Bedarf eines Jahrhunderts in der Bundesrepublik. Andrzej Prus