Der Wettlauf der Propaganda führt zu ähnlich absurden Konsequenzen wie der Wettlauf der Rüstung: Die letzten und stärksten Propagandiwaffen sind nur noch zur Abschreckung geeignet; ihr Einsatz aber ist sinnlos. Die neueste Waffe hat jetzt das „Studio am Stacheldraht“ entwickeln lassen; sie ist eine technische Meisterleistung. Fernlautsprecher, auf neun bis dreizehn Meter hohen Türmen montiert, strahlen die Sendungen fünf bis sechs Kilometer weit. Noch in zwei Kilometern Entfernung ist keine Verringerung der Tonstärke zu bemerken. Im Umkreis von 100 m zerspringen Fensterscheiben, wenn sie angepeilt werden.

Letzte Woche wurden diese Lautsprecher zum erstenmal auf eine Kaserne der Volksarmee in Groß-Glienicke angesetzt. Die Antwort ließ nicht auf sich warten. Die Vopo fuhr am nächsten Tag Lautsprecher auf, die zwar nicht die Fensterscheiben zerklirren ließen, aber doch die in der Nähe der Zonengrenze wohnenden Westberliner zwang, die Fenster zu schließen, um das eigene Wort verstehen zu können. Und wer wollte daran zweifeln, daß der technische Vorsprung des „Studios am Stacheldraht“ die Techniker in Ostberlin nicht ruhen lassen wird. Auch sie werden ebenso starke oder noch leistungsfähigere Lautsprecher konstruieren.

Krieg also mit 120 Phon? Welche dem Ministerium für Gesamtdeutsche Fragen oder dem Senat untergeordnete Stelle ist eigentlich für diesen Unsinn verantwortlich? Wer bezahlt das? Wahrscheinlich doch die Steuerzahler, die doppelt geschädigt werden, finanziell und gesundheitlich. Abgesehen davon – ist Lautstärke wirklich entscheidend im Propaganda-Duell? Bei einem solchen Lärm bleibt auch dem unzufriedensten Bürger des SED-Staates nur noch eine Reaktion: die Ohren zustopfen. Vielleicht sollten die Propagandisten an das alte Sprichwort denken: Sprecht leiser, damit man Euch besser hört.

Inzwischen hat Berlins Regierender Bürgermeister Brandt erklärt, beim Einsatz der Lautsprecher habe es sich nur um eine „einmalige Erprobung“ gehandelt. Der Senat wolle keinen Lärmkrieg. Die Frage bleibt: Warum sind diese Propagandaposaunen überhaupt gebaut worden?

G. R.