Es gehört schon eine gute Portion Zynismus dazu, unsere Gegenwart ein Zeitalter der Wissenschaft zu nennen. Wir leben bestenfalls in einer Ära der militärischen Forschung, wenn dabei auch viel für die Naturwissenschaft und die zivile Technik abfällt.

Das ist wieder einmal deutlich geworden, als am letzten Wochenende das Massachusetts Institute of Technology bekanntgab, der zweite West-Ford- Versuch sei nunmehr gelungen.

West-Ford, das ist das von den führenden Astronomen der Welt leidenschaftlich und, wie man sieht, erfolglos bekämpfte Projekt, haarfeine Nadeln zu Millionen in die Hochatmosphäre zu expedieren, wo sie sich zu einem erdumspannenden Gürtel auseinanderziehen sollen, der ultrakurze Radiowellen reflektieren kann. Die US-Air-Force, die unter einem Mangel an Funkverbindungen leidet, hofft, mit diesem spiegelnden Ring neue Kommunikationskanäle zu erschließen.

Der erste Versuch im Oktober 1961, ein solches reflektierendes Band um die Erde zu legen, mißlang: Die Kupfernadeln breiteten sich nicht aus. Seitdem hat die Erde einen seltsamen Satelliten, einen 75 Pfund schweren Klumpen zusammengebauter Drähte.

Diesmal jedoch scheint alles programmgemäß verlaufen zu sein – allmählich schließt sich der Ring, der etwa sieben Jahre lang unseren Planeten umgeben wird.

Es können die sieben mageren Jahre für die astronomische Forschung sein, denn es steht zu befürchten, daß durch die Nadeln der Nachthimmel heller wird, daß das Metall die Polarisationsmessungen behindert und die radioteleskopischen Beobachtungen stört. Die bedeutendsten Gelehrten auf den Gebieten der Astronomie, der Astrophysik und Kosmologie haben gegen das geplante Unternehmen protestiert. Vergebens. Auch diesmal wurden die Argumente der Professoren ignoriert, genau wie im vergangenen Juli, als die Amerikaner allen Warnungen zum Trotz eine Wasserstoffbombe in der Hochatmosphäre zündeten – woraufhin prompt die vorhergesagte künstliche Strahlungszone in der Ionosphäre entstand.

Die Luftwaffe garantiert zwar, daß 400 Millionen winziger Drähtchen auf eine Länge von 64 000 Kilometern ausgebreitet, keine Störungen der Sternbeobachtung hervorrufen. In der gleichen Erklärung heißt es aber auch, daß dieses nur ein vorläufiges Experiment sei und daß für den praktischen Einsatz im Nachrichtenverkehr ein wesentlich dichteres Nadelband um den Globus gezogen werden soll. -ow