Oleg Penkowski kann kaum mehr darauf hoffen, daß ihm ein Gnadenerlaß des sowjetischen Staatspräsidenten Breschnjew vor dem Erschießungskommando rettet. Ist er ein Opfer kommunistischer Schauprozeß-Methoden, ein vom sowjetischen Geheimdienst mißbrauchter Doppelspion, ein agent provocateur, der als Köder für einen englischen Staatsbürger seinen Zweck erfüllt hat und nun verschwinden muß? All dies scheint vielen Kommentatoren des Moskauer Spionageprozesses, vor allem in England, möglich, nur eines nicht: Daß nämlich Penkowski und Wynne für westliche Geheimdienste arbeiteten und der sowjetischen Abwehr dabei ins Netz gingen.

Kreidezeichen an Straßenmasten, Konfektschachteln mit Mikrofilmen, ein toter Briefkasten auf dem Friedhof – das alles mag an Hollywoodfilme erinnern. Aber bedienen sich nicht auch kommunistische Agenten heute noch dieser „konventionellen“ Geheimdienstmethoden? Sollte die westliche Spionage so viel moderner sein?

Natürlich haben die Sowjets versucht, propagandistisches Kapital aus der Affäre zu schlagen. Die kommunistische Presse berichtete genüßlich, wie der brave Sowjetbürger Penkowski unter verderblichen westlichen Einfluß geriet, Champagner und französische Mädchen zu lieben begann, Rotwein aus Damenschuhen schlürfte und schließlich vom Playboy zum „Judas von Moskau“ wurde.

Die pathetischen Moralpredigten sollen jedoch nicht nur abschreckend auf Sowjetbürger mit westlichen Neigungen wirken, sondern auch von einer peinlichen Tatsache ablenken: Wenn die Geständnisse der Angeklagten nur einigermaßen stimmen, haben die Moskauer Sicherheitsorgane kläglich versagt. Dann hat ein „Amateur“ im Spionagefach mit dilettantischen Methoden anderthalb Jahre die sowjetische Abwehr an der Nase herumgeführt, und die Sowjets haben im Kampf der Geheimdienste eine empfindliche Schlappe erlitten. Es ist höchst unwahrscheinlich, daß sie sich diese Niederlage selbst angedichtet haben. K. H.