H. P. G., Rio de Janeiro im Mai

In Bonn beginnen dieser Tage Verhandlungen über deutsche Darlehen an Brasilien. Dort, wie auch in London und Rom, steht man jetzt vor der Frage, ob die gewünschten Kredite der Stabilisierung des größten Staates und bedeutendsten Handelspartners in Lateinamerika dienen, oder ob sie in ein bodenloses Faß fallen.

Vor wenigen Wochen hat der Internationale Weltwährungsfonds bei dem Besuche des brasilianischen Finanzministers San Thiago Dantas in Washington prinzipiell die Stabilisierungspläne der Regierung gebilligt und damit grünes Licht für die Verhandlungen in Westeuropa gegeben. Dabei hat der Fonds seine traditionelle, sehr konservative Wirtschaftspolitik revidiert, vor allem nicht mehr auf dem Einfrieren der Löhne bestanden – eine Forderung, die in Argentinien den Peronismus am Leben erhalten hat. Auch der Dreijahresplan der Goulart-Regierung wurde akzeptiert.

Der Plan stammt von dem führenden brasilianischen Nationalökonomen Dr. Elso Furtado, der als Planungsminister der Regierung angehört, und sieht eine stufenweise Stabilisierung mit Investitionen von 3 500 Mrd. Cruzeiros vor. Das „Inflationstempo“, das 1962 noch 50 % betrug, soll 1963 auf 25 % und bis 1965 auf 10 % gebremst werden. Der Internationale Weltwährungsfonds hatte ursprünglich einen „Sprung aus der Inflation“ auf 10 % noch in diesem Jahr gefordert.

Durch Kreditrestriktionen ist allerdings zunächst eine schwere Krise in der Autoindustrie entstanden, die in 11 Fabriken in Sao Paulo 45 000 Arbeiter beschäftigt, von der aber mit den ergänzenden Werken insgesamt 125 000 Beschäftigte abhängen. Viele Brasilianer haben in der letzten Zeit Autos als „Sachwerte“ auf Abzahlung gekauft. Sie vertrauen darauf, für die letzte Rate – in Dollar gerechnet – nur einen Bruchteil der ersten aufwenden zu müssen. Diese Hoffnung schwand, als jetzt das Ende der Inflation proklamiert wurde. Die Spekulanten suchen also die Wagen abzustoßen, und die Händler können wegen der Kreditrestriktionen keine Abzahlungsverkäufe mehr finanzieren. Die Folge sind große Lager bei den Fabriken, Massenentlassungen und in vielen Betrieben Betriebsferien.

Sicher gibt es in Brasilien keine akute Revolutionsgefahr, aber es bestehen schwere sozialpolitische Spannungen. Die Regierung kann keine Arbeitslosigkeit in Kauf nehmen. Und um diese abzuwehren, hat sie bereits Krediterleichterungen für Traktoren angekündigt. Andere Maßnahmen, die ebenfalls in Widerspruch zu dem Dreijahresplan stehen, werden wahrscheinlich folgen.

Nach einem scharfen Protest der Staatsangestellten und Offiziere gegen eine nur 40prozentige Gehaltserhöhung hat Präsident Goulart in diesem Punkt bereits nachgegeben und sich bereit erklärt, die Gehälter um 60 % zu steigern. Er verstieß damit gegen den Plan und noch mehr gegen die Richtlinien des Weltwährungsfonds.