Von Marion Gräfin Dönhoff

Seit der Revolution vom 8. März 1963 liegen in Syrien zwei Parteien im Widerstreit: die Anhänger Nassers und die sozialistische Baath-Partei, die der Union mit Ägypten skeptisch gegenübersteht. Mit Unterstützung der Armee hat der Baath die Nasseristen in den beiden letzten Wochen kaltgestellt; am vergangenen Wochenende kam es zu einer Regierungskrise. Marion Dönhoff, die gegenwärtig durch den Mittleren Osten reist, schildert die Hintergründe der Krise.

Damaskus, im Mai

Sie haben Glück“, sagte ein Diplomat, den ich am Morgen nach meiner Ankunft in Syrien traf. „Sie kommen gerade in dem Moment, in dem das Blatt sich wendet.“

„Nein“, antwortete ich arglos, „ich bin erst gestern angekommen, also lange nach der Revolution.“

„Ich meine ja gestern! Gestern hat ja eine Art kalter Staatsstreich stattgefunden.“

Gestern? Ich hatte weder am Abend noch am Morgen irgendwelche Unruhe in der Stadt bemerkt. Kein Militär, keine Demonstrationen, kein Ausgehverbot. Damaskus erschien friedlich und normal. Allerdings hatte ich in der Morgenzeitung gelesen, daß 35 Leute vor Gericht gestellt würden, weil sie im September 1961 den Bruch der syrisch-ägyptischen Union mit herbeigeführt und sich also als „Separatisten“ und „Feinde des Volkes“ betätigt hatten: ein Ex-Ministerpräsident, zehn ehemalige Minister, achtzehn Abgeordnete, drei Journalisten, zwei Professoren.