Bonn‚ im Mai

Noch vor zwei Wochen waren bei der Bonner CDU fast nur pessimistische Prognosen für die Niedersachsenwahl zu hören. Der peinliche Streit um die Kanzlernachfolge, das deprimierende Ergebnis der Landtagswahl in der CDU-Hochburg Rheinland-Pfalz, dem die schwere Wahlschlappe in Berlin vorausgegangen war, die beunruhigenden demoskopischen Umfrage-Resultate – dies alles hatte die Erwartungen der CDU gedämpft.

Aber in den letzten zehn Tagen hat sich die Stimmung merklich gebessert. Die Regelung der Kanzlernachfolge, Erhards Prestigegewinn als Streikvermittler und seine Anziehungskraft als Wahlredner in Niedersachsen geben der CDU wieder Zuversicht. Freilich ist ihr Optimismus begrenzt. Leute, die sich auskennen, würden es schon für einen ansehnlichen Erfolg Erhards halten, wenn es gelänge, die Position der CDU im Niedersächsischen Landtag zu halten (30,8 Prozent bei den Wahlen von 1959, nachdem sie vorher von Wahl zu Wahl stärker geworden war). Viele Wähler werden wohl auch nicht übersehen, daß Erhard und Adenauer in Niedersachsen aneinander vorüberreisten und daß der Kanzler kaum etwas tat, seinem Nachfolger das schwierige Anfangsgeschäft leichter zu machen.

Die SPD ist seit der Überbrückung des Erbfolgestreites im gegnerischen Lager wohl nicht mehr ganz so optimistisch wie zuvor, aber sie rechnet fest mit einem Stimmenzuwachs von einigen Prozenten. Bei der Landtagswahl im Jahre 1959 hat sie 39,5 Prozent der Stimmen bekommen. Optimisten bei der SPD halten es für möglich, daß die Partei 44 oder 45 Prozent der Stimmen bekommen könnte. Sie meinen, die SPD profitiere zwar auch aus den Fehlern der CDU, aber doch weit mehr aus ihrer neuen Politik, mit der sie sich das Vertrauen vieler Wähler erworben habe.

Ob die FDP die bei der letzten Landtagswahl ungefähr 5,2 Prozent erhielt, oder die CDU auf Kosten der Deutschen Partei und des BHE Stimmen gewinnen können, wagt in Bonn niemand vorauszusagen. Die Deutsche Partei hatte bei der letzten Landtagswahl 12 Prozent der Stimmen, der BHE über 8 Prozent erhalten. Der ehemalige Ministerpräsident Hellwege (DP) ist wohl noch immer die populärste Gestalt im nicht-sozialdemokratischen Lager Niedersachsens. Er aber macht in diesem politischen Rennen nicht mit: Er hat sich in der Wirtschaft eine Position aufgebaut und möchte sie bis auf weiteres nicht verlassend R. S.