Auch Hohltaube und Turteltaube, einst scheue Waldbewohner, beginnen, wenn auch zögernd, in die Städte einzuziehen. Wesentlich „frecher“ benehmen sich Elster und Eichelhäher. Die Elstern haben sehr schnell herausgefunden, daß sie in der Stadt vor den Flinten der Jäger sicher sind.

Einen. Fall von Landflucht, bei dem die städtischen Grünanlagen nur eine untergeordnete Rolle einnehmen, zeigt die Stockente, die Stammform unserer Hausente. Ihr Zug in die Stadt wurde sogar zum Symbol für Kopenhagens Touristenwerbung: Auf einem Plakat mit „Wonderful Copenhagen“ stoppt ein Polizist den Verkehr, damit eine Wildentenmutter mit ihrer Kinderschar ungehindert die Fahrbahn passieren kann.

In der freien Natur sind die Wildenten zu den Sorgenkindern unter den Wasservögeln geworden: Sie verlieren immer mehr an Lebensraum. Sümpfe werden trockengelegt, Bäche begradigt. Auf ihrer Winterflucht nach Süden spritzen ihnen dazu allenthalben die Schrotgarben entgegen. So wurde ihr Schicksal zum Beratungspunkt internationaler Vogelschutzkongresse.

Doch die Enten beginnen, sich selbst zu helfen. Sie fanden sehr schnell heraus, welche Vorteile das Stadtleben haben kann. Im Winter gab es irgendwo in der Stadt immer einige offene Wasserlöcher, die, gespeist von warmen Abwässern, nicht zufroren. Überall wurde Futter gespendet, und Ruhe vor den Schießenden gab es auch. Hinzu kommt noch, daß bei den Enten die Frauen die Hosen anhaben. Hier bestimmt der weibliche Partner, wo man sich nach der Hochzeit ansiedelt. Gefällt einer Entenfrau das Stadtleben – und welcher Frau gefällt es nicht? –, sucht sie hier einen geeigneten Brutplatz.

Wer einmal in der Stadt geboren oder aufgewachsen ist, den läßt sie nicht los. Das scheint nicht nur für ehemals Ausgebombte und Stadtevakuierte zu gelten, sondern auch für die Saatkrähen, eine Vogelart, die versucht, trotz aller Verfolgungen ihre einmal gewählten Nistplätze in der Stadt zu behaupten. Seit Jahrzehnten erscheinen regelmäßig in einigen Großstädten an verkehrsreichen Plätzen im Frühjahr kleinere Trupps von Saatkrähen, um sich hier häuslich einzurichten. In Hamburg suchten sie sich die Gegend am Hauptbahnhof aus.

Hier begannen sie die Äste einiger Bäume mit Etagennestern zu versehen. Unermüdlich suchten sie Zweigstückchen für ihre Nester zusammen. Fehlte es daran, stahlen sie sich gegenseitig die Baustoffe vom Nest. Das gab natürlich ständig Krach. Da die Saatkrähenherren dazu noch lautstark ihre Zuneigung ihrer angetrauten (und auch einer fremden) Dame zu bekunden pflegen, rückte bald die Feuerwehr an. Die streitenden und sich liebenden Parteien bekamen eine kalte Dusche verabreicht, die zugleich die Nester von den Ästen fegte.

Die Saatkrähen indessen dachten gar nicht daran umzusiedeln, sie bauten sofort neu. Es mag eine der ewig ungeklärten Widersprüche in der Seele des Großstädters bleiben, warum er das Kreischen der Straßenbahnen, das Rattern von Baumaschinen willig erträgt, aber allergisch auf das Krächzen der Krähen reagiert. Wieder rückte die Feuerwehr an, und wieder blieben die Krähen Sieger – bis eines Tages die alten Brutbäume dem Straßenbau zum Opfer fielen; da erst gaben sie auf.