Von Hermann Funke

Das erste Konzert soll im Herbst dieses Jahres stattfinden. Aber die Berliner Philharmonie, das Konzerthaus für die Berliner Philharmoniker, ist noch im Rohbau. Die Berliner wundern sich über das spitzige, zeltförmige Dach, die winklige Form und den ockerfarbenen Anstrich. Sie nennen das fremdartige Ding – nach ihrer Weise, Fremdartiges durch ein Witzwort einzugemeinden – den Zirkus Karajani.

Wer ins Innere hineinkommt, wer sich näher mit dem Bau befaßt, selbst der vorbereitete Besucher, wird sich erst recht wundern, wird aus dem Staunen so schnell nicht herauskommen.

Seit 1949 besteht die Absicht, in Berlin ein neues Konzerthaus zu bauen, aber erst 1956 wurde ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben. Erster Preis: Hans Scharoun, damals noch Professor für Städtebau an der Technischen Universität, Präsident der Berliner Akademie der Künste, vor 1933 jüngstes Mitglied der Architektenvereinigung "Der Ring" (Häring, Mendelsohn, Mies, Gropius, beide Taut, Bartning, Hilbersheimer).

Bis 1945 hatte Scharoun Bauverbot, und seither ist er Unikum und Pechvogel unter den deutschen Architekten: weltberühmt durch Wettbewerbserfolge, die dann nicht realisiert wurden, wie beispielsweise das Theater für Kassel.

Zur Zeit des Wettbewerbs sollte die Philharmonie noch nicht am Tiergarten stehen, wo sie jetzt gebaut wird und wo sie über große Entfernungen hinweg in Beziehung steht zur Berliner Wohnung des Bundespräsidenten, dem Schloß Bellevue, zur Kongreßhalle, zum Reichstagsgebäude und zum Brandenburger Tor.

Dieser Platz für die Philharmonie wurde erst 1959 festgelegt, nachdem Scharoun in den beiden Jahren davor den Vorentwurf und den Entwurf noch auf den alten Standort an der Bundesallee abgestimmt hatte. Sein neuer Entwurf stammt aus dem Jahre 1959.