Keine besonderen Vorkommnisse in einer ganzen Woche: kein Ärger, keine heimische Kunst, keine politische Missetat. Fünf Dichter wollten sich über das Recht der Emigration oder über die Pflicht dazu unterhalten. Es wurde nicht viel daraus. Schnurre erzählte von der Mauer und fand, daß man nur vom Ort aus Kritik üben könnte. Liepman versicherte, daß Juden auch heute in Deutschland in bedrohlicher Extremsituation leben. Weisenborn und Kantorowicz sind auch nicht so sehr von der Bundesrepublik angetan. Einzig Andersch, klug, kühl, diszipliniert und zum Abschluß des Gesprächs über dessen Verlauf spürbar mürrisch geworden, rückte die Begriffe zurecht und differenzierte zwischen dem Domizil im Ausland und dem Exil. Von Emigration, fand er, könne da nicht gesprochen werden, wo der in Rom oder in Norwegen lebende Schriftsteller mit seinen Büchern im verlassenen Land herauskomme – und an Leib und Leben ungefährdet sei. Widerspruch der Kritisierten sei nur natürlich und das stimulierende Los des oppositionellen Intellektuellen zu allen Zeiten. Sonst eine emotional gestimmte Diskussion von deprimierender Begriffsunschärfe.

Daneben noch eine ins Possenhafte gezogene Inszenierung des geistvoll-reaktionären „Bitos“-Stückes von Anouilh und eine wirkungsvolle Realisierung des verquält-tiefsinnigen Historienstückes „Abrechnung“ von Reinhold Schneider. In demselben, Milieu hielt sich Montherlants „Port Royal“ auf, das Peter Bauvais sonderbar getragen in Szene gesetzt hatte.

Und da es ja mit der Koordination der Programme nach wie vor seltsam bestellt ist, in dieser ganz und gar auf Theater gestellten Woche gleich auch noch der Beginn einer vielversprechenden Reihe des Zweiten Fernsehens: Mainz stellt in Zukunft die großen Bühnen der Welt in Originalübertragungen vor. Den Auftakt machte die Comédie Française mit Beaumarchais’ „Figaro“ – ein höchst aufschlußreicher Abend französischer Theatertradition, diszipliniert und selbstlos von einer dienenden Kamera ins Bild gebracht. Hoffentlich sieht sich Mainz in der Lage, über den Graben seines Herkommens zu springen und auch mustergültige Aufführungen aus Moskau oder Warschau oder sogar aus Peking auf Deutschlands Bildschirme zu transportieren. Nur dann nämlich gewinnt diese Spätprogramm-Konzeption Authentizität und Repräsentanz.

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