Nirgendwo auf der Welt wird so viel pornographischer Schund und Schmutz gedruckt wie in den Vereinigten Staaten. Nirgendwo ist mehr Prüderie anzutreffen als in amerikanischen Schulen, auf den meisten amerikanischen Partys, in amerikanischen Frauenverbänden. Die frivolste Technik, einen weiblichen Körper öffentlich zu entkleiden, ist eine amerikanische Erfindung – sie heißt „Strip-tease“; Mädchen in High Schools müssen Turnanzüge mit halblangen Hosen und Ärmeln tragen – Shorts sind shocking. An amerikanischen Stränden und Pools ist der Bikini noch immer verpönt.

Die junge Amerikanerin wird systematisch zum Männerfang abgerichtet. Das amerikanische College ist zumeist neben der Studienausbildung zugegebener- und beabsichtigtermaßen ein Heiratsmarkt. Das Mädchen, die Frau hat gemäß amerikanischer Konvention immer der aktive Teil zu sein. Der US-Adam lernt, die Dinge auf sich zukommen zu lassen. Er weiß auch, wie gefährlich es ist, sich zu engagieren. Allzu schnell und allzu leicht liest die Dame ein Heiratsversprechen aus jedem Kontakt heraus. Sie verfügt über zuverlässige Druckmittel, den Boy-Friend beim kaum angedeuteten Wort zu nehmen. Amerika ist das Land mit den meisten jungen Ehen.

Ehescheidungen gelten als eine Art von Delikt. Erfolgreiche amerikanische Politiker müssen verheiratet und sollen nicht geschieden sein. Dennoch gibt es nirgendwo so viele Ehescheidungen wie in den USA. Die Geburtenkontrolle wird zumindest vom katholischen Teil der Amerikaner weitgehend abgelehnt. Die USA haben nichtsdestoweniger den größten und offensten Markt für antikonzeptionelle Mittel. Als unheilbare Schande gilt es, homosexuelle Beziehungen zu unterhalten. Der berühmte Kinsey-Report erwies jedoch, daß es in den Vereinigten Staaten überdurchschnittlich viel potentielle und auch aktive Homosexualität gibt.

Was Sigmund Freud die amerikanische Weiberherrschaft nannte, provoziert eine innerliche Abkehr und Abwehr des Mannes. Ein amerikanisches „Get-together“ beginnt gewöhnlich mit recht förmlich steifen Vorstellungen, bei denen Damen und Herren einander zumeist nicht die Hand reichen, während die Männer untereinander gern sofort mit Schulterklopfen, Händeschütteln und forciertem Lachen beginnen. Nach kurzer Zeit scheiden sich weniger die Geister als die Geschlechter. Die Damen klatschen in schöner Selbstgenügsamkeit; die Herren kehren sich ab. Flirt ist ein englisches Wort, aber was es bedeutet, wurde anscheinend des Landes verwiesen. It isn’t done – man tut so was nicht. Obwohl die amerikanische Frau deutlicher, manchmal vulgärer kokettiert als etwa ihre europäische Schwester, wahrt sie zugleich eisige Distanz. Das übertriebene Make-up, das Monroe-Dekollete, sexy Schuhe, der blitzende Unterrock im Rockschlitz sollen Erwartungen wecken, an deren Erfüllung niemals gedacht ist. Resultat: Der Mann fühlt sich planmäßig düpiert, zieht sich zurück, bleibt lieber unter seinesgleichen.

Im paradoxen Amerika ist nichts paradoxer als „Sex“. Schon der Gebrauch dieses Wortes – verstümmelt und überdeutlich, unreif und brutal – zeigt, wieviel hier gestört ist und begraben liegt. Wenn es jene besondere Art von Unglücklich- und Unzufrieden-Sein im American-Way-of-Life gibt, dann heißt die Hauptwurzel dafür Sex. Schuld daran ist vor allem zweierlei: die puritanische Morallehre, die aus England stammt und sich in Amerika wunderlich mischt mit den großen emotionalen Spannungen einer Gesellschaft von Einwanderern aus allen Teilen der Welt – und der Machtanspruch der amerikanischen Frau. Sie will herrschen und überleben. Sie wird im allgemeinen älter als ihr Lebensgefährte, der im Wettlauf um – den Dollar auf der Strecke bleibt. Infolgedessen ist die Mehrheit der amerikanischen Bankkonten und Aktien in den Händen von Frauen. Aber ist sie glücklich, die amerikanische Frau, unter ihrem Blumenhut, ihrem Nerz, ihren Brillanten?

Herabgezogene Mundwinkel, ein entsagungsvoll bitterer Zug, sind erstaunlich oft anzutreffen. Die Amerikanerin kann sehr kameradschaftlich tun, manchmal auch sein. Hingabe liegt ihr weniger. Sie möchte geliebt werden, ohne selber allzu schmerzhaft zu lieben. Sie kämpft um den Mann, mit dem Mann, gegen den Mann. Natürlich ist sie nicht allein schuld an dem ganzen Unglück – und nichts weniger als ein verhängnisvolles Unglück ist „Sex“ in Amerika.

Der amerikanische Mann ist entmutigt, gab sich längst geschlagen, hat resigniert. Busenfetischismus, Ersatzbefriedigungen wie Striptease machen ihn nur passiver. Es ist erschreckend und rührend zugleich, wie die Amerikaner versuchen, ihre Sex-Probleme verstandesmäßig zu regulieren. Im Fernsehen gibt es Sex-Beratung; schon die Elementarschule hat Sex-Erziehung im Stundenplan; Ratschläge für das Liebesleben füllen die Schaufenster von Drugstores und Buchhandlungen. Eine ganze Literatur und Wissenschaft lebt von „Sex“. Seelenärzte pumpen Millionen von Dollars aus ihren sexgestörten Patienten heraus.

Es ist eine große tragische Komödie, das ganze. Mag eine normale Ehe auch in den USA die Regel sein – die Ausnahmen sind beunruhigend zahlreich und sonderbar. Die Vereinigten Staaten wären als ein unerotisches, antierotisches Gebiet einzuzeichnen in einer „sexographischen“ Weltkarte. Kommt daher die eigentümliche Gefühlsarmut, die innere Leere in diesem sonst so reichen, gesegneten Land? Hier sind Mann und Frau nicht befreundet. Die Frauen bilden eine herrschende Klasse. Sie beuten die Männer aus. Wer hat das gern? Und wer hat das Nachsehen? Vor allem die amerikanische Frau selber. Thilo Koch