Von Hanns Meenzen

Fast ein Jahrzehnt haben wir ein Familienministerium und einen Familienlastenausgleich. Gleichwohl mangelt es bis heute an einer überzeugenden familienpolitischen Konzeption. Unwillig sehen die einen zu, wie die anderen „auf ihre Kosten“ die Kindergelder vereinnahmen, verbittert reagieren andererseits Kinderreiche und Familienverbände auf die ihrer Meinung nach noch immer unzulänglichen Ausgleichsmaßnahmen des Staates. Die doppel- und mehrbödige Begründung dieses Anspruchs aber sorgt dafür, daß das familienpolitische Terrain angefüllt ist von viel hohlem Pathos und leeren Phrasen. Die Kette der Unglaubwürdigkeiten, welche die offizielle und die verbandsgebundene Familienpolitik verbinden, reicht von der „ökonomischen Deklassierung der Familie“ bis hin zur „sittlichen Verantwortung“, die angeblich dem Kinderreichtum zugrunde liegt.

In diesen Wochen hat der neue Bundesfamilienminister, Dr. Heck die alte Forderung der Familienverbände aufgegriffen und sich für eine laufende Anpassung auch der Kindergelder an die wirtschaftliche Entwicklung ausgesprochen. Gleichzeitig befürwortet er eine Staffelung der Kindergelder von 50 DM ab drittem Kind bis hinauf zu 80 DM beim sechsten Kind. Damit bewahrheitet sich, was Kritiker des Familienlastenausgleichs schon vor zehn Jahren vorhersagten: Auch die Kindergelder entwickeln sich zu Renten. Es erscheint deshalb angebracht, einmal auf die bevölkerungswissenschaftlichen Tatbestände einzugehen, die unserer industriegesellschaftlichen Struktur zugrunde liegen und die das Bundesfamilienministerium in seinen Denkschriften so hartnäckig zu ignorieren pflegt.

Der verstorbene Kieler Ordinarius Gerhard Mackenroth hat es vor nun gleichfalls zehn Jahren in seiner „Bevölkerungslehre“ (Springer-Verlag), als die „große spontane Leistung des europäischen Menschen“ bezeichnet, daß er die Konsumnorm nicht der ungehemmten Vermehrung geopfert hat. Unkommentiert mag diese Feststellung den kinderreichen Familien als Affront erscheinen; doch täten wir alle gut daran, uns besser als bisher mit den genetischen Grundlagen der modernen Industriegesellschaft vertraut zu machen.

Wenn Europa heute nicht in Armut und Elend versinkt, wie Karl Marx es vorausgesagt hat, so deshalb, weil die von der Industrialisierung ausgelöste Bevölkerungsexplosion durch generative Disziplin überwunden worden ist. Fußend auf den von Hitler mißbrauchten und nach Hitler vernachlässigten Erkenntnissen der Bevölkerungswissenschaft (insbesondere Mackenroths) hat in diesen Tagen Günter Wollny („Die Zukunft ist anders“, Harald-Boldt-Verlag) unterstrichen, daß angesichts der hygienisch und medizinisch verlängerten Lebenserwartung die moderne Gesellschaft vital auf niedrige Geburtenquoten angewiesen, ist.

Am Beispiel der trotz aller massiven staatlichen Beeinflussungsversuche abgesunkenen Geburtenquoten Rußlands macht Wollny deutlich, daß auch die russische Revolution keine „proletarische“, sondern eine gesellschaftspolitische ist. Gleichgültig, ob sich die Industrialisierung unter „kapitalistischem“ oder „kommunistischem“ Vorzeichen vollzieht, ihr Erfolg hängt von der generativen Reaktion der Bevölkerung ab. Deshalb gilt es auch, die Entwicklungsländer, also die Gesellschaften, die sich im Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft befinden, zur Übernahme der europäischen Bevölkerungsweise zu veranlassen. Mackenroth vertrat die Überzeugung, daß dies geschehen werde; für Wollny hingegen ist die industrie-europäische Bevölkerungsweise bisher nur welthistorisches Muster, „leider kein Beispiel“, weil diese Gesellschaft ihr Lebensgesetz selbst noch nicht begriffen hat. Sie hat sich noch nicht durchstrukturiert, ein Mangel, den er insbesondere an unserem sozialen Sicherheitssystem zu erkennen glaubt.

Die Agrargesellschaft war „latent gegen den Nahrungsspielraum gespannt“ (Mackenroth). Mit Ausnahme der „sieben fetten Jahre“ hungerte sie immer wieder erbarmungslos. Wer über keine Ackernahrung verfügte, war zur Ehe- und Kinderlosigkeit verbannt; die anderen aber schöpften die eheliche Fruchtbarkeit voll aus. Durch hohe Kinder- und Müttersterblichkeit, Kriege und Hungersnöte sorgte die Natur für den Ausgleich.