Vor Beginn der jüngsten Aufwärtsbewegung auf dem deutschen Aktienmarkt behaupteten einige amerikanische Wertpapierexperten, daß in den deutschen Standardaktien eine Kursreserve von 10 bis 15 Prozent stecken müsse. Diese Prognose war richtig, denn inzwischen sind die Notierungen deutscher Aktien um etwa diesen Satz geklettert. Enttäuscht fragen mich viele Leser, die nicht rechtzeitig „eingestiegen“ sind, ob mit der letzten „kleinen“ Hausse „das Rennen dieses Jahr an der Börse gelaufen ist“ ? Sind die Aktien tatsächlich schon ausgereizt? Lassen Sie mich, meine verehrten Leser, hierzu einiges sagen. Ich werde mich danach für einige Wochen von Ihnen verabschieden und mich im Juli wieder melden. Bis dahin wünsche ich Ihnen viel Erfolg an der Börse.

Vom Standpunkt internationaler Anlagegrundsätze aus betrachtet waren die Kurse deutscher Standardaktien vernachlässigt. Das wurde aber erst nach Vorlage der Abschlüsse der IG-Farben-Nachfolger und des Volkswagenwerks richtig deutlich. Diese Unternehmen zeigten nämlich, daß einige Sparten der deutschen Industrie mit dem Problem schwindender Gewinnmargen fertig geworden sind. Als dann der harte Widerstand der Metallindustrie gegen überspitzte Lohnforderungen und schließlich auch der maßvolle Lohnkompromiß deutlich machten, daß sich künftige Lohnerhöhungen etwa im Rahmen des Produktivitätszuwachses halten werden, war das Eis gebrochen.

Wer in den letzten Wochen mit ausländischen Anlageexperten gesprochen hat, ist immer wieder gefragt worden: „Wie steht es bei euch mit den Personalkosten und mit der Arbeitszeitverkürzung Man erkannte sehr deutlich, von woher die Rentabilität und die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen in die Zange genommen worden waren. Um so größer war die Überraschung, daß es der Großchemie und dem Volkswagenwerk trotz dieser Belastungen gelungen war, ausgezeichnete Abschlüsse für 1962 vorzulegen. Damit war für die Anleger eine neue Situation eingetreten. Für sie galten – wenn man die Gewinne der deutschen Aktiengesellschaften mit ihren Kursen verglich – die Aktien schon seit langem als unterbewertet. Wenn man nicht den Mut zum Kauf deutscher Papiere aufbrachte, dann stand dem die Sorge entgegen, daß sich die Ertragslage der deutschen Industrie von Jahr zu Jahr weiter verschlechtern würde. Daß diese Befürchtung für viele Unternehmen nicht zutrifft, wissen wir jetzt. Infolgedessen war eine Kurskorrektur auf Teilgebieten gerechtfertigt.

Gleichzeitig sollten wir jedoch nicht vergessen, daß sich die deutsche Wirtschaft immer noch in einem schmerzlichen Anpassungsprozeß befindet, der auch der Börse noch unangenehme Überraschungen bringen wird. Es hat also schon gute Gründe, warum viele Papiere von der jüngsten Aufwärtsbewegung nicht erfaßt worden sind. Meistens sind diese Werte nicht einfach „übersehen“ worden, sondern es hatte einen guten Grund, warum die Börsianer an ihnen vorübergingen.

Die künftige Tendenz der deutschen Aktienmärkte wird eng mit der weltweiten Konjunkturentwicklung in Verbindung stehen, von der hier nur soviel gesagt werden mag, daß die Konjunkturpropheten das Wort „Rezession“ kaum noch in den Mund nehmen. Vieles spricht dafür, daß sich ein Teil der deutschen Aktienkurse unter mehr oder weniger kräftigen Schwankungen (mit langen Ruhepausen) langsam nach oben entwickeln wird. Mehr Vorbehalte, als in diesem Satz stecken, meine verehrten Leser, kann wohl niemand machen. Treten keine außergewöhnlichen politischen Ereignisse ein, so kann derjenige, der heute Aktien kauft, damit rechnen, mit ihnen einen Kursanstieg zu erleben. Natürlich sind vorübergehende Rückschläge nicht auszuschließen.

Wer deshalb in den zurückliegenden Wochen auf seinen flüssigen Mitteln sitzengeblieben ist, hat wohl eine gute Chance ausgelassen, aber sicher noch nicht den Anschluß verpaßt. Auch die Investment-Gesellschaften, die über beträchtliche liquide Gelder verfügten, sind nicht überstürzt „eingestiegen“, sondern kaufen nach und nach, wobei nichts darauf hindeutet, daß sie bei der Auswahl der zu erwerbenden Papiere Schwerpunktveränderungen vorgenommen haben. Insbesondere konnte noch keine ausgesprochene Bereitschaft zum Kauf von Montanaktien beobachtet werden.

Der Aktiensparer von heute sollte weder entgangenen Kursgewinnen nachweinen noch nach Papieren Ausschau halten, an denen sich vielleicht am meisten verdienen läßt. Vielmehr müßte es ihm darauf ankommen, Aktien mit dem geringsten Risiko, aber auch gleichzeitig mit einer einigermaßen vertretbaren Rendite zu suchen.