Itzehoe, im Mai

Die Kapelle spielte "Schleswig-Holstein meerumschlungen". Sechshundert oder siebenhundert zornig-bewegte Gesichter, gerötet vom rauhen Wetter der Nordseeküste. Die am Eingang standen, wichen zurück. Er betrat den Saal. Eine hünenhafte Gestalt. Kaum gebeugt. Ein alter kantiger Kopf. Zwei blaue Augen blickten in Zigarren- und Pfeifenqualm.

"Der General", flüsterten sie. Claus Heim war da, der Führer des Bauernaufstandes von 1929. Der achtzigjährige "Bauern-General", auf dessen Befehl einst zwischen Nord- und Ostsee Finanzämter und Rathäuser in die Luft flogen, war wieder in der Geburtsstadt seiner Revolte, in Itzehoe. Er war gekommen, das Wiedererwachen der "Landvolkbewegung" unter der Schwarzen Fahne mit dem Pflug-und-Schwert-Emblem zu erleben.

Beim Schlußakkord von "Schleswig-Holstein meerumschlungen" brauste der Beifall wie ein schleswig-holsteinischer Frühjahrssturm durch den Saal. Es roch nach Schwarzpulver. Und aus den Schinkenbrotpaketen auf den Tischen meinte man das Ticken jener Küchenwecker zu vernehmen, die vor 35 Jahren in Schleswig-Holstein so reißenden Absatz als preiswerte Bombenzünder fanden.

Die Neugründung der "Landvolkbewegung" hätte ihren Lauf nehmen können. Mehr als sechshundert Bauern der Westküste saßen bereit. Nur die Initiatoren der Gründungsversammlung fehlten. Der Vorstandstisch war leer. Das protestwillige Landvolk war führerlos.

Zum Treffen unter der Schwarzen Fahne hatten die Bauern Karl Johannsen aus Ladelundmühle und Hans Christian Holländer aus Stördorf in den großen Saal des "Lübschen Brunnen" gerufen. Johannsen schmerzte der Ischiasnerv so sehr, daß er das Bett nicht verlassen konnte. Holländer in seinem schwarzen Opel-Kapitän mit dem schwarzen "Bauernstander" war rechtzeitig eingetroffen. Aber er durfte nicht in den Gasthof hinein. Schuld daran war vor allem die "Bild"-Zeitung. "Bild" hatte zur angekündigten "Bauernrevolution" in Itzehoe gemeint: "Das steht dahinter: Drahtzieher aus Pankow wollen das Bauernvolk aufputschen."

Der Bauernverband und schließlich die Landesregierung waren zu einer ähnlichen Auffassung gekommen und hatten dringend, wenn auch erfolglos, vor dem Besuch der Kundgebung gewarnt. In der Tat hatten sie auch einen Anhaltspunkt für ihre Behauptung: Der politische Wirrkopf Holländer kandidierte 1954 für die KPD und Johannsen für den dem Verfassungsschutz verdächtigen Bund der Deutschen.