Der Verlust von über 50 000 Grenzgängern aus Ostberlin und der Sowjetzone infolge der Sperrmauer hat die Westberliner Wirtschaft auf längere Sicht offenbar stärker getroffen, als es zunächst den Anschein hatte. Unmittelbar nach dem 13. August wurde zwar alles Erdenkliche getan, um durch Mehrarbeit den Ausfall wettzumachen. Die inzwischen, vor allem seit der Kuba-Krise, eingetretene politische Beruhigung war dem Arbeitsklima aber nicht immer förderlich, wie die zeitweilig auf über 13 % gestiegenen Ausfallquoten durch Krankmeldungen und die ungewöhnlich hohe Fluktuation der gewerblichen Arbeitskräfte bestätigen. Diese interessante Mitteilung machte Vorstandsmitglied Günter Spemann von der Deutsche Telephonwerke und Kabelindustrie (DeTeWe) AG, Berlin, bei der Besprechung der Bilanz für 1961/62 (30. September), deren Ergebnis es wieder ermöglicht, auf 10,125 Mill. DM Aktienkapital 14 % Dividende auszuschütten.

Ende 1958 – unmittelbar nach dem „Freistadt“-Ultimatum Chruschtschows – hatte die Verwaltung demonstrativ den inzwischen längst verwirklichten Beschluß bekanntgegeben, durch den Neubau eines Verwaltungsgebäudes mehr Raum für die Produktion zu schaffen. An „Bodenständigkeit“ hat es dem Unternehmen, dessen Hauptkunde die Bundespost ist, also nicht gefehlt, obwohl schon damals Beteiligungsgesellschaften im Bundesgebiet bestanden, darunter die jetzige Deutsche Telephonwerke GmbH, Hamburg, deren Ausbau unter den damaligen Umständen weniger risikoreich erschienen wäre. Der weitaus größte Teil der über 45,5 Mill. DM Investitionen seit der Währungsreform ist in den Ausbau des Berliner Stammwerks geflossen. Wenn am Ende des Berichtsjahres rd. 5700 (i. V. 5400) Mitarbeiter beschäftigt wurden, so ist der Zuwachs ausschließlich bei den westdeutschen Werken entstanden, vor allem in Hamburg, ferner in dem gegen Ende des Vorjahres übernommenen Montagewerk und der neuen Tochter-Gesellschaft für Plastikerzeugnisse mbH, beide in Osterode am Harz. In Berlin war es trotz intensiver Bemühungen nicht möglich, die Zahl der gewerblichen Arbeitskräfte zu erhöhen, obwohl ständig Neueinstellungen vorgenommen wurden. Wie Spemann dazu mitteilte, haben im Berichtsjahr nicht weniger als 75 % der gewerblichen Belegschaft den Arbeitsplatz gewechselt! Keinesfalls war diese selbst für Berliner Verhältnisse ungewöhnliche Fluktuation materiell bedingt, eher psychologisch durch die Lage des Stammwerkes unmittelbar an der Grenze zum Sowjetsektor.

Da auch in Hamburg kaum mehr Raum für Erweiterungen besteht, werden nunmehr die Anlagen in Osterode verstärkt ausgebaut, wo in beiden Werken bereits 400 Personen beschäftigt werden. Galt in Zeiten überschäumender Konjunktur Berlin für viele westdeutsche Unternehmen als „verlängerte Werkbank“, so sind jetzt Berliner Betriebe wegen der Arbeitsmarktlage zunehmend gezwungen, eigene westdeutsche Zweigwerke oder fremde Zulieferanten in Anspruch zu nehmen. G. G.