Von Thomas v. Randow

Ein gutes Sachbuch soll nicht nur sachlich informieren,es soll zudem spannend, witzig oder gar dramatisch, in jedem Falle aber kurzweilig sein. Daß die Umkehrung dieser selbstverständlichen Forderung nicht immer gilt, daß ein Unterhaltungsroman über Physik oder ein archäologischer Krimi nicht notwendigerweise ein gutes Sachbuch zu sein braucht, wird hingegen leicht übersehen.

Dabei liegt nichts näher als der Verdacht, sachliche Richtigkeit müsse sich zur Lesbarkeit eines Buches umgekehrt proportional verhalten, und in der Tat bestätigt sich dieser Verdacht bei einer großen Zahl der gegenwärtig den Markt überflutenden Sachbücher. Es gibt nur sehr wenige Ausnahmen; selten gelingt es einem Autor, die Probleme und Ergebnisse einer Wissenschaft korrekt und zugleich lesbar zu schildern. Zu diesen Ausnahmen gehört ganz ohne Zweifel

Interessant und erregend schildert der Autor, ein Hamburger Journalist, seine Reise an Bord des deutschen Fischerei-Forschungsschiffes „Anton Dohrn“. Erfrischend seine unbekümmerte Kritik an den Behörden, am bundesdeutschen Forschungsbetrieb und an der Einstellung der Studenten zur praktischen wissenschaftlichen Arbeit, und selbst von der Sache her so spröde Themen wie Wetterkunde, Kartographie, Meeresforschung und Fischereigeschichte sind mit Genuß zu lesen.

Der Reiz des Buches liegt in der Fülle von Information. Fink geht mit seinen Lesern auf geistige Fischzüge: Hol heißt der Inhalt der Netze, das Ergebnis des Fangs, und mit Hol überschreibt der Verfasser jene Passagen, in denen er seine Erlebnisse an Bord schildert. Jedem Hol folgt ein Törn, die Ausschlachtung des Fanges: Kapitel über Fischereibiologie, Navigation, über die ersten Arktisfahrten der Wikinger, die technischen und politischen Aspekte der Fischerei, Klimakunde und Wissenschaftspolitik. Dabei erfährt man fast in jedem Abschnitt eine überraschende Neuigkeit: daß Fische seekrank werden können, daß die Erfindung des Radar auf ein kaiserliches Patent aus dem Jahre 1904 zurückgeht oder daß es nur für etwa zwei Prozent der gesamten Meeresböden kartographische Aufzeichnungen gibt.

Überraschend für den Laien ist die vom Verfasser an vielen Beispielen dargestellte traurige Lage der deutschen Meeresforschung. Es fehlt überall an Geld, an festen Arbeitsplätzen und an Arbeitsbedingungen, die für den akademischen Nachwuchs attraktiv genug sind.

Freilich, Ichthyologie ist nicht jedermanns Sache. Das ist keine Wissenschaft, die sich bequem am Schreibtisch oder im Labor betreiben läßt. Da muß man aufs Meer und an Ort und Stelle den Fang auswerten. Was das bedeutet, schildert Fink so; „Bis zu den Knien stehen wir plötzlich in der spaddelnden, schnappenden, knurrenden, um sich schlagenden Masse. Hinein mit bloßen Händen. Vorsicht, hier spreizen Rotbarsche ihre gefährlichen Stacheln – das bedeutet Blutvergiftung. Dort sperrt ein Kattfisch, katzenköpfig und so vital, daß er mehr als zwei Stunden außerhalb des Wassers zu leben vermag, sein scharfes Gebiß. Was zwischen seine Kiefer kommt, wird zermalmt, Gummistiefel, Kleidung, Finger oder Zehen ... Hinein mit bloßen Händen in dies schnappende Geschleime. Wo ist er, der Fisch, für den wir ausgezogen sind...?“