R. S. Bonn, im Mai

In Bonn erwartet niemand, daß die Ottawa-Konferenz schon eine Einigung über die multilaterale NATO-Atommacht bringt. Dazu sind die Widerstände Italiens, Belgiens und anderer möglicher Teilnehmer noch zu groß. Die Bundesregierung hat aber mit ihrer Zustimmung zu dem Plan die taktische Situation der amerikanischen Regierung erleichtert.

Für Bonn selbst waren bei seiner Entscheidung hauptsächlich politische Gründe maßgebend. Die Bundesregierung erwartet von ihrer Mitwirkung an der multilateralen und an der interalliierten Atom-Streitmacht eine Beteiligung der Bundesrepublik an der nuklearen Planung. In die interalliierte Streitmacht, über die in Ottawa wohl Übereinstimmung erzielt wird, will die Bundesrepublik eine aus achtzehn Maschinen bestehende Starfighter-Staffel einbringen.

Falls bei der NATO-Ratstagung von Bonn größere Anstrengungen in der konventionellen Rüstung verlangt werden sollten, soll die deutsche Delegation eine Bundeswehr von 520 000 Mann neben dem deutschen Beitrag zur multilateralen Atomstreitmacht für das Maximum der zumutbaren Leistungen erklären.

Die Bundesregierung ist überzeugt, daß mit diesen Kräften und bei entsprechender Mitwirkung der Alliierten eine Verteidigung des Westens unmittelbar an der Demarkationslinie möglich ist – vorausgesetzt allerdings, daß die taktischen Atomwaffen, die im Gefechtsfeld stationiert sind, gemeinsam mit den konventionellen Waffen eingesetzt werden. Eine bewegliche Verteidigung mit eventuell beträchtlicher Geländepreisgabe wird von Bonn entschieden abgelehnt.