A. d. F., Rom, im Mai

Wer soll in Italien nach den Wahlen vom 28. April regieren? Diese Frage beschäftigt die italienischen Parteien der „linken Mitte“ seit den Wahlen. Trotz der Wahlniederlage soll das Experiment der „Öffnung nach links“ fortgesetzt werden – die Koalition aus Christlichen Demokraten, Sozialdemokraten und Republikanern. Sie wäre wiederum auf die wohlwollende parlamentarische Unterstützung der Nenni-Sozialisten angewiesen, deren Zentralkomitee bereits seine Zustimmung zur Fortsetzung des alten Kurses gegeben hat.

Allerdings soll der bisherige Ministerpräsident und Führer der Linkskatholiken, Amintore Fanfani, nicht wieder Premier werden. Er gilt bei den Sozialdemokraten und auch bei der Mehrheit seiner eigenen Partei als der Hauptschuldige für die Wahlniederlage. Er habe, so heißt es, sich gegenüber den Nenni-Sozialisten zu nachgiebig gezeigt und dabei den Kampf gegen den Kommunismus vernachlässigt.

Das neue Kabinett soll einen straffen antikommunistischen Kurs steuern und die „strategischen Fehler der Regierung Fanfani korrigieren“, wie es der Sozialdemokrat Saragat verlangte. Es müsse sich, so fuhr er fort, auf sozialem Gebiet – dem Schulwesen und dem Bau von Wohnungen und Krankenhäusern – stärker engagieren, nicht aber Phantomen – der Aufteilung des Staates in Regionen mit selbständiger Verwaltung und einer allzu dirigistischen Programmierung der Wirtschaft – nachjagen.

Es wird jedoch für die Koalitionspartner nicht einfach sein, sich über das Regierungsprogramm zu einigen. Die Nenni-Sozialisten und die in ihrem Kielwasser schwimmenden Republikaner verlangen nach wie vor die Einführung der Regionen. Davon wollen nun aber die Christlichen Demokraten nichts mehr wissen. Und nach dem Wahlerfolg der Kommunisten sind ihre Bedenken nur noch gewachsen. In Umbrien, der Toskana und der Emilia könnten sie sich dann kaum noch gegen die Kommunisten durchsetzen, die dort nahezu die absolute Mehrheit erreicht haben. Wie unter diesen Umständen eine Einigung zwischen den Christlichen Demokraten und den Nenni-Sozialisten, die nach wie vor jeden Antikommunismus ablehnen, zustande kommen soll, ist vorläufig noch völlig unklar.

Der Parteisekretär der Democrazia Cristiana, Aldo Moro gilt als der aussichtsreichste Kandidat für die Nachfolge Fanfanis. Er sträubt sich noch gegen diesen Auftrag, der ihn – theoretisch – zum starken Mann Italiens machen würde. Denn Moro behielte gleichzeitig die Zügel der immer noch größten italienischen Partei in seiner Hand. Moro zaudert, weil er die Gefahren eines Mißerfolges, der die Democrazia Cristiana in eine tiefe Krise stürzen würde, spürt. Ein Scheitern seiner Bemühungen um eine Regierungsbildung würde unweigerlich zu einer völligen Revision der Beschlüsse des letzten Parteikongresses von Neapel führen.