Von Walter Widmer

Dichtung und Wirklichkeit – so nennt sich eine neue Taschenbuchreihe des Ullstein-Verlags, und die beiden verantwortlichen Editoren, Hans Schwab-Felisch und Wolf Jobst Siedler, haben sich etwas Reizvolles ausgedacht: berühmte Werke der Weltliteratur mit den historischen Fakten zu konfrontieren, ihre Wirkung auf die damalige Öffentlichkeit an Hand der Pressestimmen und anderer zeitgenössischer Quellen zu dokumentieren –

Hans Schwab-Felisch: „Gerhardt Hauptmann, Die Weber“; Dichtung und Wirklichkeit, Band 1, Ullstein Verlag, Berlin; 276 S., 2,80 DM

Friedrich Sieburg: „Christian Dietrich Grabbe, Napoleon oder Die hundert Tage“; Dichtung und Wirklichkeit, Band 4, Ullstein Verlag, Berlin; 193 S., 2,80 DM.

Der erste Band, von Schwab-Felisch mustergültig herausgegeben, bringt den Text der „Weber“ und im Anhang – sachlich-bescheiden hinter den Dichter zurücktretend, obwohl eine enorme Arbeit darin steckt – auf rund zweihundert Seiten einen wohldokumentierten, substantiellen Essay des Herausgebers: „Die Weber – ein Spiegel des 19. Jahrhunderts“. Wer ihn gelesen hat, weiß über die Tatsachen, die Hauptmanns Drama zugrunde liegen, genau Bescheid, ist im besten Sinne unterrichtet.

Nicht genug damit: Schwab-Felisch hat an Zeitungsberichten, den Aufstand der schlesischen Weber betreffend, an Literatur zum Thema, an Kritiken, Berichten, Stellungnahmen und Reaktionen, auch an Akten über die Prozesse, die Hauptmann für die Zulassung seines Dramas führen mußte, alles Erreichbare zusammengetragen. Nimmt man außerdem die umfangreiche Bibliographie und die höchst instruktive Zeittafel hinzu, ergibt sich eine exemplarische Herausgeberarbeit, ein springlebendiger, fesselnder und nützlicher Hochschulkurs, der sich an eine breite Leserschicht wendet, an Schüler, Studenten, bildungsbeflissene Laien, und der auch gebildeten Fachleuten Neues bieten kann. Dieser (erste) Band ist eine respektable Leistung.

Über den zweiten (als Nummer 4 gezählten) Band möchte man sich am liebsten ausschveigen, wäre da nicht die ärgerliche Tatsache, daß Friedrich Sieburg höchstpersönlich als Autor zeichnet.