Von Willi Bongard

Es ist eine ebenso boshafte wie lehrreiche Geschichte. In ihrer hübschesten – dabei einprägsamsten – Form ist sie uns von Oberst a. D. Erwin Topf überliefert; der sich übrigens für ihre Lügenhaftigkeit verbürgt.

Die Offiziere der sächsischen Regimenter sollen seinerzeit sehr wenig davon erbaut gewesen sein, daß ihr König Friedrich August einen Fabrikanten allergnädigst zum Wirklichen Geheimen Rat – mit dem Titel Exzellenz – ernannt hatte. Das ist der Hintergrund, vor dem man die Entstehung der Anekdote in einem der Dresdner Offizierskasinos sehen muß:

Nach einem Rundgang durch die Betriebsanlagen des zum Geheimen Rat avancierten Fabrikanten stehen die Besucher, wohlversehen mit Zigaretten, Zigarren und einem Glas Sekt, noch einen Augenblick auf der Dachterrasse des Verwaltungsgebäudes.

„Wenn ich mir erlauben darf“, sagt der übereifrige erste Direktionssekretär, „den Herrn von hier aus noch einmal einen Überblick über all das zu geben, was Sie eben durchwandert haben ... Also bitte, da haben wir links die Abteilung Wareneingang mit der eigenen Kartonagen-Fabrikation, der Hausdruckerei, anschließend die Einfüll-, Verpackungs- und Versandabteilung. Dann das chemische Labor, mit der Versuchs-, Entwicklüngs- und Prüfabteilung. Anschließend, nach rechts, die Kundenbuchhaltung, das Werbebüro mit den Ateliers, die Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Dann, im Winkel dazu, die Kantine für die Angestellten, mit Werksküche, Dusch- und Waschraum, Unfallstation und Werksbücherei. Schließlich hier, im Direktorialgebäude: die Chefbüros, mit Sekretariat, die Planungs- und – die Personalabteilung, die Hauptbuchhaltung – und natürlich, ähm, das Kasino ...“

„Moment mal“, unterbricht ein Besucher den Redefluß des stellvertretenden Gastgebers, „da ist ja noch die Holzbaracke in der Ecke, die haben wir bei unserem Rundgang doch gar nicht gesehen?“

„Ach, ja, ähm, die Baracke“, antwortet, leicht verlegen, der Herr Direktionsassistent, „in der Baracke da machen wir das Zeugs!“