Inseln kannte ich viele, Helgoland nicht. Eine zweimotorige Do 28 des Air Lloyd in Hamburg-Fuhlsbüttel hob von der Piste und hielt uns, wie ein Riese auf der flachen Hand, über Elbe, Marschen und Schiffe, über Sandbänke, auf denen Wracks unruhig schlummerten, graugewölktem Süßwasser und hellblauem Salzwasser, das in die Kabine heraufschien – und setzte uns ab auf der Düne von Helgoland. Fünfundvierzig Minuten dauerte der Flug, und man konnte seine Zigarre in der Nordsee „ausdrücken“, denn in den großen Fenstern der Maschine waren windgeschützte Öffnungen, durch die abgelassen werden konnte, was nicht mehr gut war dort oben.

„Ein neues Fluggefühl hatte jemand verlautbart. Es stimmt. Fluggefühle gibt es viele, dieses ist ganz neu. Die sechssitzige Maschine müßte man freilich bald durch größere Flugzeuge ersetzen, oder an Transporthubschrauber wäre zu denken, mit denen der Luftverkehr nach Helgoland forciert werden könnte. Denn jedermanns Sache ist es nicht, sich auf bewegte See mit Schlingergefühlen einzulassen. Von Neapel gibt es längst den Hubschrauberdienst nach Ischia und Capri. Und Helgoland wird künftig den Luftweg nötig haben, wenn es Kongreß- und Tagungszentrum wird. Bürgermeister Henry Peter Rickmers, Jahrgang 1919, erzählte uns später beim Whisky, daß die Aufbauarbeit auf der „Kurinsel des Nordens“ nach zehn Jahren nun geschafft sei, aber jetzt müsse man an die Zukunft denken, und die Zukunft erfordere Tagungsorte, die „anders“ als die üblichen seien – also Inseln wie Helgoland. Wer tagt, will sich auch erholen, aber er muß doch mit den anderen zusammenbleiben – die Insel könnte Konferenzen und Erholung von Reden und Diskussionen bieten.

Dazu braucht man jedoch eine Kongreßhalle mit allen technischen Schikanen, eine Mehrzweckhalle ist dafür vorgesehen, man wird sie bauen.

Auf der Düne haben die „Hallunner“ im Nachwinter hart gearbeitet, freiwillig, ohne Bezahlung, um herzurichten, was dort nach Winter und Sturmflut hergerichtet werden muß. Der Kampf um die Erhaltung dieses einzigartigen Badeplatzes ist uralt, aber er hält jung. Wer hier im Zelt, Bungalow, im Strandkorb sommers haust, am Südstrand in knappen Textilien, am Nordstrand hinter Buschwerk ohne, wer dieses bißchen Sand über den Gezeiten zu seinem Urlaubssitz macht, lernt Himmel, Sonne und Wetter kennen.

Das ist ein nördliches Sardinien, ein Nordsee-Korsika, ein Lesbos ohne Hellas. Wer sich zivilisieren lassen möchte, kann in der neuen Strandhalle Asyl finden, die eben fertig geworden ist. Vielleicht lernt er dort wieder schreiben oder lesen. Sand ist aufgeschwemmt worden, damit der Strand breiter werde, je größer die Düne, um so phantastischer die Einsamkeit.

Freilich wäre es nützlich, zwei Projekte zu verwirklichen, die wir ins Gespräch brachten. Einmal eine größere Landebahn für größere Flugmaschinen, wenn die Hubschrauber noch-auf sich warten lassen. Dann eine Sauna-Anlage, damit jederzeit, während aller zwölf Monate, im Meer gebadet werden könnte. Nun denkt man an einige Blockhäuser hinter einem Palisadenzaun, in denen sich finnische Saunas, vielleicht auch russische Banjas verstecken. Am Nordstrand wäre der geeignete Platz, aus der Sauna ginge es auch in kalten Jahreszeiten gleich ins Meer. Die Kurverwaltung hat zwar eine Sauna auf der Insel, beim Meerwasserschwimmbecken unter freiem Himmel, aber die Düne sollte auch ihre Sauna erhalten. Als dritte Neuerung wäre ein „Do-it-yourself“-Platz einzurichten, wo der Gast werken und basteln kann, wie es ihm und seinen Kindern gefällt.

Wir setzen zur Insel über, die das Auto nicht kennt (es gibt drei motorgetriebene Fahrzeuge, die uns nicht zu Gesicht kamen, und es gab ein einziges Fahrrad, das aber seit 1. Mai Fahrverbot hat), dafür ein neues Urlaubsgefühl: Man ist in der modernsten Gemeinde Deutschlands zu Gast. Über die Häuser, von Helgoland, die Bauten seit 1952 ist viel geschrieben worden – nach zehnjähriger Aufbauzeit sieht Helgoland so aus, wie wir uns damals manche niedergebrannten Dörfer und Städte wünschten. Phönix aus der Asche, aber ohne Abstriche, ohne verbrannte Flügel.