Neu-Delhi, im Mai

Der elegante, in seiner Ausdrucksweise meistens englisch unterkühlte pakistanische Außenminister Bhutto vergaß alle diplomatische Reserviertheit, als er nach dem Zusammenbruch der Kaschmir-Verhandlungen in Neu-Delhi den Journalisten Rede und Antwort stand. Sechsmal war Bhutto während des vergangenen halben Jahres mit dem Unterhändler der indischen Regierung, Minister Swaran Singh, zusammengetroffen, um eine Kompromiß-Formel für den nun schon länger als fünfzehn Jahre schwelenden Kaschmirkonflikt zu finden. Nach den ersten fünf Verhandlungsrunden hatte der pakistanische Außenminister zwar auch keine konkreten Fortschritte mitzuteilen, aber er erschien doch jedesmal beeindruckt von der freundschaftlichen Atmosphäre, in der die Gespräche stattgefunden hatten. Jetzt jedoch, nach der sechsten Begegnung, machte er aus seiner tiefen Enttäuschung über das Scheitern der Kompromißbemühungen nicht mehr den geringsten Hehl. Seine Verbitterung entlud sich in so heftigen Anklagen, wie man sie noch von keinem fremden Besucher auf einer Pressekonferenz in Neu-Delhi gehört hat.

Die Konferenzserie war daran gescheitert, daß beide Parteien – nach einer kurzen Phase sachlicher Überlegungen über gegenseitige Konzessionen – zu ihren ursprünglichen unversöhnlichen Prinzipien-Standpunkten zurückgekehrt waren: Indien forderte Anerkennung des Status quo, das heißt: Umwandlung der Waffenstillstandslinie in eine internationale Grenze, und Pakistan wiederholte die alte Forderung nach Durchführung einer Volksbefragung, zu der sich die Inder selber einmal verpflichtet hatten und die von den Vereinten Nationen mehrmals als Lösung des Konfliktes vorgeschlagen worden ist.

Der pakistanische Außenminister machte jetzt der indischen Regierung den Vorwurf, sie habe ihren Verhandlungspartner praktisch an der Nase herumgeführt und von Anfang an keine andere Absicht verfolgt als die, Indiens gegenwärtige Stellung unter allen Umständen zu behaupten. „Diese Haltung“, sagte Bhutto, „ist ein Ausdruck der indischen Selbstgerechtigkeit, Arroganz und dogmatischen Denkweise, des völligen Unvermögens, zwischen Freunden und Feinden zu unterscheiden. Pakistan hat sich seit 1949 ausschließlich um eine friedliche Lösung des Kaschmir-Konfliktes bemüht und jede Resolution der Vereinten Nationen akzeptiert. Indien hat nicht nur jede dieser Resolutionen abgelehnt, sondern sein ehemaliger Verteidigungsminister sowie der Führer der regierenden Kongreßpartei haben noch im vergangenen Jahr die gewaltsame Rückeroberung jenes Teiles von Kaschmir angedroht, der in pakistanischem Besitz ist. Mit dieser’Politik setzt Indien nur den Antagonismus fort, der bereits vor 1947 das Verhältnis von Hindus und Mohammedanern im ungeteilten Indien belastet hat, den Kampf zwischen Kongreß-Partei und Moslem-Liga. Mit dieser Politik wird sich Indien in der ganzen Welt – selbst von seinen besten Freunden – isolieren und nicht nur sich selbst, sondern uns alle in Gefahr bringen.“

Tatsächlich stehen die Schatten der Vergangenheit, die Außenminister Bhutto in seiner Anklage gegen Indien beschwor, noch immer trennend zwischen den beiden indischen Brudernationen. Die Kaschmir-Verhandlungen hätten dazu beitragen sollen, diese Schatten verblassen zu lassen, denn im Grunde geht es bei diesem Konflikt weniger um ein paar tausend Quadratmeilen Land als vielmehr um den tiefen Vertrauensbruch zwischen zwei Völkern, die durch lange gemeinsame Geschichte und reiches Kulturerbe, durch geographische Nachbarschaft und wirtschaftliche Interessen zur Zusammenarbeit eigentlich prädestiniert sind und die sich trotz all dieser Gemeinsamkeiten politisch immer weiter voneinander entfernen. Das Scheitern der Kaschmir-Verhandlungen hat die trennenden Schatten der Vergangenheit nur noch dunkler und größer werden lassen. Die Zuspitzung dieser nationalstaatlichen Gegensätze, wie sie Europa im neunzehnten Jahrhundert erlebt hat, wird überdies auch das Verhältnis der Westmächte sowohl zu Indien wie zu Pakistan belasten.

Um eine solche Entwicklung zu vermeiden, hatten die USA und England im vergangenen Jahr so sehr auf Verhandlungen gedrängt. Gerade diese beiden Mächte befanden sich in einem besonderen Dilemma, weil sie enge Alliierte Pakistans sind und sich dennoch nach der chinesischen Aggression im Himalaja gezwungen sahen, dem neutralen Indien größere militärische Hilfe zu gewähren als ihrem pakistanischen Verbündeten. Die pakistanische Regierung vertritt heute die Auffassung, daß sich Indien auf die Verhandlungen nur eingelassen hat, um mit angeblicher Verständigungsbereitschaft die Westmächte zu noch größerer Rüstungshilfe zu veranlassen.

Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet man in Rawalpindi auch den Versuch, die gescheiterten Verhandlungen in anderer Form unter Einschaltung eines neutralen Vermittlers fortzusetzen. Während ähnliche Vorschläge von den Indern früher immer strikt abgelehnt worden sind, scheint man jetzt in Neu-Delhi geneigt zu sein, einer entsprechenden Anregung der Westmächte zu folgen. Die Pakistaner aber befürchten, daß Indien auf diese Weise nur Zeit gewinnen will, um während der schwebenden Verhandlungen die Zustimmung des amerikanischen Kongresses zur gegenwärtig in Washington diskutierten langfristigen Waffenhilfe zu erreichen. Deshalb macht man in Rawalpindi die Annahme des Vermittlungsvorschlages davon abhängig, daß bis zum Abschluß neuer Verhandlungen die Frage westlicher Rüstungshilfe für Indien offenbleibt, daß diese Verhandlungen zeitlich befristet sein müssen und daß der Vermittler eine Art Schiedsrichterfunktion ausüben soll.