Dieser schöne Frühling, der jetzt – wenn auch verspätet – hereingebrochen ist, gilt auch für die CDU“, so prophezeite Ludwig Erhard auf seiner Wahlkampfreise in Niedersachsen. Der Wirtschaftsminister hat die Konjunktur seiner Partei nicht schlecht eingeschätzt.

Die CDU, endlich der drückenden Nachfolgekrise ledig, wertet das Ergebnis der Niedersachsen-Wahl in der Tat als Symptom eines zweiten politischen Frühlings. Und hat sie nicht Grund dazu? Der Rückgang der CDU-Stimmen, der in Berlin und in Rheinland-Pfalz beängstigende Ausmaße angenommen hatte, setzte sich in Niedersachsen nicht fort – ja, die Partei hat dort sogar Stimmen gewonnen, sieben Prozent – mehr als die SPD. Der geschäftsführende CDU-Vorsitzende, Dufhues, sprach stolz davon, die Christlichen Demokraten seien nun im Begriff, ihre bisherige Stellung zu festigen.

Sollte die Parteikrise tatsächlich mit einem Mal beigelegt, der Wählerschwund plötzlich gestoppt, das lähmende Unbehagen vergessen sein?

Gewiß, die psychologische Wirkung des CDU-Erfolges in Niedersachsen ist kaum hoch genug einzuschätzen. Die Partei ist das deprimierende Gefühl losgeworden, der Rückgang sei unvermeidlich, ein ehernes Gesetz. Dies wird dem Selbstbewußtsein der CDU und auch Ludwig Erhards zugutekommen. Aber dieses Hochgefühl kann doch nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Wahlerfolg manche Schönheitsfehler aufweist.

Nicht nur die CDU hat Stimmen gewonnen; auch die Siegesserie der SPD hielt an – und dies, obwohl die psychologischen Voraussetzungen dafür nicht gerade günstig waren. Der Metallarbeiterstreik, mit klassenkämpferischem Pathos kurz vor den Wahlen inszeniert, kam der SPD höchst ungelegen; und die Freude über den Schlichtungserfolg Ludwig Erhards war nicht ganz ungetrübt. Im übrigen krankt die Sozialdemokratie Niedersachsens daran, daß sie keinen „Kopf“ mehr hat. Ministerpräsident Diederichs ist im Gegensatz zu seinem populären Vorgänger Hinrich Kopf, der mit den Bauern Skat drosch, im Weifenhaus aus und ein ging und auch im Gespräch mit Arbeitern das rechte Wort fand, kein Mann, der die Wählermassen fasziniert. Trotz dieser Schwierigkeiten hat sich der SPD-Trend kaum abgeschwächt.

Gedämpft ist die Siegesfreude der CDU auch deshalb, weil sie ihren Erfolg nicht so sehr der eigenen Stärke als vielmehr der Schwäche der kleinen Parteien verdankt. Die Deutsche Partei, die Gesamtdeutsche Partei und die Deutsche Reichspartei haben 16,2 Prozent der Gesamtstimmen eingebüßt. Gemessen daran ist der CDU-Zuwachs von 6,9 Prozent doch recht bescheiden. Auch wenn manche Wähler dieser kleinen Parteien sich diesmal der Stimme enthalten oder für die FDP gestimmt haben, bleibt es erstaunlich, daß die CDU aus dieser Erbmasse nicht mehr profitiert haben sollte.

Besonders die ehemaligen Anhänger der DP sind ja nach Herkunft und Tradition für die SPD vorläufig nicht zu gewinnen. Das deutschnationale, konservative Element, das die DP und zu einem Teil auch die Gesamtdeutsche Partei geprägt hat, verträgt sich immer noch schlecht mit der Sozialdemokratie. So hat die CDU in manchen Gebieten, in denen früher die DP dominierte, ihren Stimmenanteil gewaltig erhöht, in einigen Bezirken sogar mehr als verdoppelt. Wenn sie aber so viele ehemalige DP-Wähler gewonnen hat und die SPD dennoch nicht überflügeln konnte, so bleibt nur der eine Schluß: ein Teil der alten CDU-Wähler ist zur SPD abgewandert.