... und buntem Lack: Das Auto und seine Hülle Zwischen Haute Couture und Konfektion

Beschleunigungsvermögen, Bremsweg, Kurvenlage, Benzinverbrauch, Straßenlage, Hubraum, Radstand – das ist das Vokabular, das uns allgemein aus Testberichten entgegenschlägt. Gut – jeder will wissen, was er für sein Geld an Leistung erwarten kann. Ist es das allein? Raten Spötter nicht den Damen, das Auto „passend zum neuen Sommerkleid“ zu wählen? Selbst die Techniker unter den Automobilisten können nur mühsam verbergen, daß ihnen die Hülle auch etwas wert ist. Chic, rassig, langweilig, elegant, schlank, plump – das ist das Vokabular auch der Fußgänger: An der Form nehmen alle teil. Wir wollen deshalb ein paar Zeitungsnummern lang die Form der Karosserie wichtiger nehmen als ihren Inhalt. In der nächsten Ausgabe beginnt eine Serie von Artikeln, in der Heinz Spielmann „das Automobil als eine der schönen Künste“ kritisch betrachten wird.

Es ist gewiß keine Übertreibung, das Automobil ein Zentralereignis in unserer Welt von heute zu nennen. Daß es einmal anders war, wollen die nicht glauben, die heute Zwanzigjährige sind; ihnen erscheint das „Automobil-Erlebnis“ außerordentlich und selbstverständlich zugleich. Gehe ich mit meinem Sohn durch die von Autos bevölkerte Innenstadt, dann wird er immer – selbst wenn wir uns über eine ernste Sache unterhalten – seine Augen über fahrende und parkende Wagen wandern lassen und unser Gespräch plötzlich unterbrechen, um mir irgendeine ungewöhnliche Karosserie, einen neuen Fixstern am Automobilhimmel zu zeigen und dessen Vorzüge zu erklären.

Gelegentlich kommt es dann vor, daß er sich von mir, dem „alten Mann“, erzählen läßt, wie das mit den Automobilen früher gewesen sei. Merkwürdigerweise kann ich ihm da gewisse Auskünfte geben – Auskünfte allerdings nicht über Hubraum oder Spitzengeschwindigkeit eines Adlerwagens oder über die ersten Preisträger eines Autorennens. Indessen kann ich ihm zum Beispiel dies berichten: Gleich nach dem Kauf eines Adler-Fahrrades in Frankfurt am Main durfte man sich auf einen asphaltierten Hof hinter der Verkaufshalle begeben und in ein paar Stunden das Fahren auf dem Fahrrad erlernen. Die Leitung hatte der „Heinrich“, ein älterer Mann; seine Lektion war im Preis des Velozipeds (128 silberne Reichsmark) einbegriffen.

Um nun zu diesem Hof zu gelangen, galt es, die Ausstellungshalle an der Gutleutstraße zu durchschreiten, und da standen sie dann, die längst museumsreif gewordenen, über und über mit Messing verzierten und mit duftendem Leder ausgeschlagenen hochbeinigen Benzinfahrzeuge. Sie besaßen genau wie die Pferdedroschken herunterklappbare Verdecke aus schwarzem imprägniertem Leder oder aus einem besonders stabilen Wachstuch.

Ich erzähle gern von den milchkaffeefarbenen Automobilen, mit denen der Kaiser in – wie wir glaubten – höllischem Tempo durch Frankfurt raste, das Schloß von Homburg vor der Höh als Ziel. Über der staubaufwirbelnden Eskorte schwebte der unvergeßliche Ton des Horns aus golden-glänzendem Messing, wehte voran die metallen gestickte kaiserliche Standarte. All jene Wagen erinnerten eigentlich an Kutschen, denen man die Pferde ausgespannt hatte, nur daß an Stelle eben dieser Pferde ein verhältnismäßig kleines Kästchen den Motor barg, vor dem der Kühler mit seinem engmaschigen Gitter saß.

Mit dem Auto „erlegt“