Von Barbara Bondy

Lustiger ist es noch nie um ein preisgekröntes Buch zugegangen als um den vorjährigen Manuskript-Preis der dreizehn internationalen Verleger, der den klingenden Namen „Prix Formentor“ trägt. Jetzt gerade, noch kurz vor ihrer diesjährigen Tagung auf Korfu, ist das Ergebnis ihrer inständigen Bemühungen des Vorjahres in Deutschland erschienen – Präjudizierter fand sich der Rezensent zudem noch nie. Die „Zeit des Unbehagens“ hatte im voraus nicht nur Unbehagen, sondern bares Entsetzen bei der internationalen Presse ausgelöst; das Entsetzen wandelte sich alsbald in handfeste Polemik. Zitieren wir: Im Feuilleton der ZEIT (vom 24. August 1962) schrieb Monika von Zitzewitz über den „Skandal beim Prix Formentor“ unter anderem folgendes: „Alberto Moravia hatte das Manuskript einer unbekannten Autorin, Dacia Maraini, für den Preis vorgeschlagen und hatte als glühender Fürsprecher mit dem ganzen Gewicht seines Namens bei dem internationalen Verlegergremium erreicht, daß es auch den Preis gewann. Erst bei der nachträglichen Lektüre stellten die Verleger fest, daß das Manuskript nicht ein preiswürdiges Meisterwerk, sondern eine indiskutable Stümperei war...“

Im Stern (vom 30. September 1962) verglich William S. Schlamm aus nicht ganz erfindlichen Gründen – vielleicht wegen der Alliteration – den Fibag-Fall mit der Formentor-Affäre: „... Wenn die Aufträge wirklich an die Fibag erteilt worden wären, stünden am Ende ja doch noch Wohnbaracken da, wenn auch vielleicht schlecht gebaute. Wenn aber den Lesern Europas die Schreibübungen der Freundinnen des Herrn Moravia als wesentliche Literatur verkauft werden, dann ist dieses Europa geistig obdachlos ...“

Und schließlich notierte vor zwei Wochen im Feuilleton der ZEIT Dieter E. Zimmer in seinem Bericht über das diesjährige Treffen der dreizehn Verleger: „Auch daß die Preisträgerin des vergangenen Jahres, die junge Italienerin Dacia Maraini, anwesend ist, ist nicht wirklich ein Grund zu splendidem Feiern. Ihr Roman ‚Zeit des Unbehagens‘, dessen dreizehn Ausgaben ihr die versammelten Verleger feierlich überreichen, ist nicht mehr als eine Backfischvision vom bittersüßen, bitterbösen Leben, literarisch ohne Bedeutung und eigentlich noch nicht einmal eine ‚Hoffnung...“

Nähert man sich nunmehr vorsichtig dem Buch, erblickt man als erstes einen Klappentext von so blauäugiger Angeberei, daß einem die Sache anfängt, Spaß zu machen: „... Die fünfundzwanzigjährige Autorin ist die Tochter einer sizilianischen Prinzessin und des berühmten italienischen Orientalisten Fosco Maraini. Früh, noch vor dem Abitur, begann sie zu schreiben“, und so weiter. Die tragisch durchtönte, dem Ernst der Lage angemessene Inhaltsangabe beschließt den Klappentext so: „Dacia Maraini schrieb hier einen beispielhaften Lebenslauf aus unserer Zeit und zugleich die Geschichte eines jungen Menschen, der zu Fall kommt, aber dessen Freiheit und Vorrecht es ist, daß er sich auch nach dem tiefsten Sturz wieder erhebt.“

Man denkt mindestens an Karoline Schlegel, an die Existenzmöglichkeit eines weiblichen Faust, an die conditio feminina schlechthin. Wenn die Verleger doch bei ihren Klappentexten etwas leiser in die Leier griffen, wenn sie uns Platitüden wie „beispielhafter Lebenslauf aus unserer Zeit“ ersparten – wie dankbar wären wir ihnen!

So präpariert, präjudiziert, pikiert und bereits irritiert, beginnt man endlich, den Roman zu lesen.