Ich will euch eine Sage erzählen. Es ist keine gewöhnliche Sage. Es ist eine deutsche Sage. Das hat seine Vorteile, aber auch seine Nachteile. Jedes Ding hat seine zwei Seiten.

Die Sache handelt von einem fremden Volk. Niemand hatte von diesem Volk je zuvor gehört. Niemand wußte Näheres darüber. Man weiß doch so manches über die Franzosen. Oder über die Chinesen. Über die Eskimos. Über dieses Volk wußte man nichts. Man wußte nicht einmal, woher es gekommen ist. Aus dem Norden? Aus der Wüste? Aus dem Meer? Ist es vom Himmel gefallen? Eines Tages war es einfach da, mitten unter uns.

Die Angehörigen dieses Volkes haben keine Schlitzaugen. Sie waren auch nicht schwarz. Oder braun. Sie sahen uns vielmehr erstaunlich ähnlich. Es hätten auch Deutsche sein können.

Erst war ihre Zahl gering. Dann wurden es immer mehr. Und noch mehr. Und noch mehr. Bald machten sie ein Viertel aller Menschen bei uns aus. Dann eine Hälfte. Dann dreiviertel. Dann noch mehr. Manche fanden das etwas beunruhigend, wagten aber nicht, das laut auszusprechen.

Denn die Angehörigen dieses fremden Volkes konnten ziemlich ungemütlich werden. Sie duldeten keinen Widerspruch. Sie konnten hart zuschlagen. Man hatte Angst vor ihnen. Mancher ging ihnen aus dem Wege. Oder hörte einfach nicht hin, wenn jemand um Hilfe schrie. Man wollte sich an diesem fremden Volk nicht die Finger verbrennen.

Sie hatten auch einen Anführer. Der hatte eine laute Stimme und konnte sich sehr aufregen. Seine Sprache klang wie deutsch. Viele waren fasziniert von ihm. Wenn dennoch Unrecht geschah, sagte man: Davon weiß der Anführer nichts. Aber damit tat man ihm Unrecht.

Ein Anführer muß alles wissen. Das fremde Volk wurde immer mächtiger. Und immer rücksichtsloser. Und immer gewalttätiger. Seine Gegner wurden umgebracht. Oder wenigsten; eingesperrt. Bald gab es keine mehr im ganzen Land. Da mußte sich das fremde Volk nach neuen Gegnern umsehen. Es fand sie jenseits der Grenzen. Es begann einen Krieg gegen die halbe Welt. Es siegte an allen Fronten. Es marschierte in viele Länder ein und eroberte sie. Wir mußten mitmarschieren, ob wir wollten oder nicht. Was blieb uns anderes übrig? Wir waren so schwach, so hilflos. Man weiß doch, wie Fremdherrschaft ist. Wohl war uns nicht dabei.