R. S., Bonn, im Mai

Der Bundestag hat den deutsch-französischen Vertrag ratifiziert – mit Präambel. Ohne sie, die den Vorrang der multilateralen Verträge mit den EWG-Partnern, des Deutschland-Vertrages und der NATO klarstellt, wäre der Vertrag nicht fast einstimmig gebilligt worden. So war es möglich, daß sogar die SPD beinahe geschlossen dafür stimmte.

Das Unbehagen, das die Begleitumstände der Vertragsunterzeichnung in Paris bei den übrigen Verbündeten ausgelöst hatten, ist mittlerweile wieder abgeklungen. Paris hat die über Erwarten breite Zustimmung des Bundestages mit Genugtuung zur Kenntnis genommen. Freilich hat die Ratifizierung, ein Ereignis von historischer Bedeutung, weder diesseits noch jenseits des Rheins Begeisterungsstürme ausgelöst. Aber vielleicht bietet die verhaltene, nüchterne Resonanz auf diesen Abschluß einer langen Entwicklung eine verläßlichere Gewähr für die gemeinsame Zukunft als leidenschaftliche Emotionen, die schon oft so Großes anzukündigen schienen und dann so rasch wieder verflackerten.

Was Stresemann und Briand vor vierzig Jahren mit redlichem Bemühen versuchten – ohne Erfolg, weil die Zeit noch nicht reif war – haben nun Adenauer und de Gaulle vollbracht. Die Ausstrahlungskraft, die die Einigung Frankreichs und Deutschlands damals hätte haben können, wird der Aussöhnung heute wohl versagt bleiben. Dazu ist die Stellung der beiden Länder zu schwach geworden, die Welt zu sehr verändert.