Von Arno Schmidt

Zu Undine führt ein biographischer Weg (den Arno Schmidt beschreitet) und ein mythengeschichtlicher: Ihm folgen G. Bennwell und A. Waugh in „Töchter des Meeres“ (Marion von Schröder Verlag, Hamburg; 276 S., 29,50 DM); ihrem Buch sind unsere beiden Abbildungen entnommen,

„...die Arie aus der Oper ‚Undine‘ von Albert Lortzing“: schon öffnet sich ein gewölbter Tenormund und klagt gekonnt, daß er weder „Vater, Mutter, Schwestern, Brüder“ auf der Welt mehr habe – auch heute, nach hundert Jahren noch, gehört das Stück mit seiner handfesten Bühnenwirksamkeit zum eisernen Bestand der Spielopern. Und wer arg gelehrt ist, erinnert sich, daß es noch ältere Vertonungen gibt, von Girschner oder dem großen E. T. A. Hoffmann; und wenn ein Germanist in der Familie ist, murmelt er wohl Fouqué; und wenn er ehrlich ist, runzelt er ein bißchen die Stirn über sich, daß er von dem großen Romantiker so blutärmlich wenig weiß.

Friedrich Baron de la Motte Fouqué nämlich heißt der Schöpfer jener unvergleichlichen Märchengestalt, und als das Bändchen 1811 erschien, begrüßte es sogleich der ungeteilte Beifall der ganzen gebildeten und unverbildeten Welt. Binnen wenigen Jahren wurde es in sämtliche Kultursprachen übersetzt; davon allein ins Französische etwa zehnmal, so daß es durchaus kein Zufall ist, wenn gerade jetzt die Fabel dort wieder aufgegriffen wurde. Sir Walter Scott, auf der Höhe seines Ruhms, verschmähte nicht, die Undine offen nachzubilden, in seinem „Weißen Fräulein von Avenel“, Edgar Allan Poe, als er es zum ersten Male las, geriet wie außer sich, wies immer wieder auf das Wunderwerk hin und nannte es das vollendetste Prosastück aller Zeiten: „Auf einen Fouqué schafft die Natur fünfzig Molières“, erklärte er in einer seiner glasharten Formulierungen. Am letzten Abend seines Lebens das Richard Wagner den Seinen noch einmal das Märchen vor.

„Wie der Ritter zu dem Fischer kam“, hebt es im Volkston an: Herr Huldbrand von Ringstetten, verirrt im Wald der Welt, trifft bei den Netzen am Seeufer den frommen Alten, der mit seiner bejahrten Lebensgefährtin und der geheimnisvollen Pflegetochter Undine in einfältiger Einsamkeit dort Haus hält. Inmitten einer polytheistisch-vergeisterten Natur: Nebelwitwen, Grubenjäger, Windkerle. Aber über allem, durch alles hindurch, klingt ständig die große Wasserfeier, in reißenden Bächen, ziehender Flußbreite und dem zornigen Lallen des Großen Sees, des allumgebenden Außenrandes jener Inselwelt. Aus ihm ist auch Undine gekommen, um in der Vereinigung mit einem Menschenmann eine Seele zu gewinnen – daß dies nun gerade Huldbrand, der ständig zwischen zwei Frauen Schwankende, sein muß, kann auch der bizarr-mächtige Oheim Kühleborn nicht verhindern. Und es kommt natürlich, wie es kommen muß: „Geist“ ist für kurze Zeit ganz apart, aber auf die Dauer dem Menschen unheimlich; kein Wunder, daß die oberflächenbunte Bertaida die stille Nebenbuhlerin mit ihrer murmelnden Sippschaft aussticht. Undine, einmal geschmäht, versinkt wieder; warnt jedoch, grundwasserhaft allgegenwärtig, den Ritter vor neuer Bindung. Die Folge ist beider Tod; nur das Menschenweibchen wird überleben.

Nun ist die „Undine“ durchaus literarhistorisch „behandelt“ worden; da wird mit dem erforderlichen Zitatenapparat „nachgewiesen“, daß eine Handvoll Zeilen bei Paracelsus und außerdem die Stauffenbergersage Fouqués „Quellen“ waren; und als endlich das Bekenntnis des Dichters, daß es sich ihm um ein Herzenserlebnis handelte, nicht mehr übersehen werden kann, da wird in einer Fußnote gesagt, daß Fouqué wahrscheinlich an die Trennung von seiner ersten Frau gedacht habe. Sonst nichts; und man weiß nicht, ob man sich mehr über die Gefühllosigkeit der Verfasser oder über ihre durch vorhergegangene Jahrhunderte großgezogenen „Methoden“ entsetzen soll. Dabei erkannte der so weit entfernte, aber kongeniale Poe sogleich, daß es sich um eine ausgesprochene Bekenntnisdichtung handeln müsse; und wirklich hätte ja nach dem angeführten ausdrücklichen Geständnis des Dichters jeder im Besitz seiner gesunden fünf Sinne Befindliche zuerst nun einmal Fouqués Leben auf den Ursprung der Dichtung hin untersucht.

Denn da reitet Herr Huldbrand von Ringstetten – ach, von Huld hat Fouqué selbst nur zu oft gebrannt; und daß „La Motte“ im Altfranzösischen eine erhöhte Burgumwallung bedeutet, also recht eigentlich eine „Ring-Stätte“, verrät er selbst in der Biographie seines Großvaters (des bekannten Generals Fouqué, seiner Zeit Intimus Friedrichs des Großen). Zu allem Überfluß gibt er ihm auch noch die eigenen Wappenfarben, Veilchenblau und Gold (während eine Dissertation verständnislos plappert, der Dichter habe seinen Ritter „nicht bunt „genug ausstaffieren“ können!). Dazu läßt er ihn, wie er fast sein ganzes Leben auch von sich denken mußte, als den Letzten seines Stammes sterben. Und durch wilde Wälder kam Fouqué auch eben geritten, als Soldat, auf dem Rückmarsch durch die öden Heiden Westfalens.