Gott, der Herr, hat es schwer, wenn er – akustisch hörbar – zu den Menschen sprechen will. Seiner Allgegenwärtigkeit ist er es schuldig, will er direkt zu seinen Geschöpfen reden, daß er sich „verfremdet“. Und schon sind wir mittendrin in der Gotteslästerung. Der einzig legitime Begriff für Gottes Wort auf dem Theater stammt nämlich von einem Atheisten, von Bert Brecht. Er heißt „Verfremdung“.

Aber Gott „verfremdet“ sich für Moses auf dem Berge Sinai und sprach als körperlose Stimme aus einem feurigen Busch. Der Herr muß damals deutlich gesprochen haben. Denn Moses brachte vom Sinai die Zehn Gebote mit, diktiert und in Steintafeln geprägt.

Wenn ein gläubiger Christ Gott auf der Bühne erscheinen läßt, dann gibt er Gott, dem Vater, eine unkenntliche Gestalt. So humpelt durch Ernst Barlachs „Sündflut“ Gott als Bettler auf zwei Krücken. Nur Noah erkennt ihn.

Goethe war kein Christ. Drum ließ er den „Herrn“ im „Faust“ auftreten wie eine griechische Gottheit, en face und mit menschlicher Statur. Die Griechen liebten die Epiphanie ihrer Götter.

Gustaf Gründgens tat etwas sehr Goethesches, als er in seinem Intendantenvermächtnis, der Hamburger „Faust“-Inszenierung, Hermann Schomberg sich coram publico umkostümieren ließ. Aus dem Theaterdirektor des „Vorspiels auf dem Theater“ wurde, für alle sichtbar, „der Herr“ des „Prologs im Himmel“. Und alle Zuschauer glaubten an Goethes Gott, der sichtbar und vernehmlich durch Hermann Schömbergs Naturstimme tönte.

Leopold Lindtberg ging in Salzburg christlicher vor. Die Salzburger Festspiele sind auch die „Jedermann“-Festspiele. Und aus dem Dom, einer historischen Kulisse, über deren Benutzung ein Erzbischof mitzubestimmen hat, tönte Gott als körperlose Stimme. Was für den „Jedermann“ die Domfassade war, das wurde für das Neue Festspielhaus der Lautsprecher in der Decke des Zuschauerraums.

Wenn Ewald Baker Goethe spricht – natura –, dann erklingt Gottes Stimme. Ihr Orgelton rührt sogar das Herz des Ungläubigen. Derselbe Baiser aber aus dem Lautsprecher des Neuen Festspielhauses – er war kaum noch zu erkennen.