Sex ist kein „Hauptproblem“. Wer’s nicht glaubt – weil er meint, Schlager, Filme, Romane, Skandale enthüllen es anders –, brauchte nur in Italiens Zeitungen zu blättern. Vergliche er sie etwa mit englischen Blättern, er würde annehmen, Sex sei etwas gänzlich Unaufregendes. Und das in Italien? Wo die feurig ausschauenden Südländer weibliche Wesen mit gierigen Blicken zu entkleiden scheinen? Wo die schwarzhaarigen Schönen vollendet zu kokettieren wissen? Keine Divergenzen zwischen Sex und Moral? Und was ist mit dem weltberühmten italienischen Markenzeichen „dolce vita“?

Da wir beim süßen Leben sind, gleich eine Korrektur: Rom ist gar nicht das Zentrum solch losen Lebens. Die Ausschweifungen vollziehen sich viel heftiger in den wohlhabenden Industriegebieten des Nordens, und am laschesten geht man mit der Moral in den reichen, aber totlangweiligen Provinzstädten um.

Natürlich gibt es auch auf der Apeninhalbinsel mehr oder weniger schleichende Auseinandersetzungen zwischen gestern und heute. Sie gründen sich weniger auf beweglich gewordene moralische Grenzen als auf die patriarchalischen Gesetze des Landes.

Der Mann darf sich nahezu in einem Paradiese wähnen. Ist er verheiratet, werden um Ehebrüche nachsichtig als Abenteuer, als Seitensprünge angekreidet, die nun mal zu einem rechten Mannsbild gehören. Selbst bei Prozessen gilt die richterliche Auffassung noch, daß die Nachsicht für den Mann nicht die in der Verfassung verbürgte Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz verletze.

Die verheiratete Frau indessen tritt bei einem Seitensprung nicht einfach ins Fettnäpfchen. Ihr Abenteuer hat sofort spürbare Folgen. Was man ihrem Gatten augenzwinkernd verzeiht, kreidet man ihr übel an. Vor Gericht kann sie nicht mit Milde rechnen.

Freilich, wie in allen katholischen Ländern ist die kirchliche Scheidung unmöglich. Italiens Besonderheit jedoch ist, daß es auch keine Zivilscheidung gibt. Hat sich ein Paar reichlich miteinander verzankt, kann es nur mit einer „Trennung von Tisch und Bett“ rechnen: beide sind voneinander frei, aber nicht frei genug, um eine neue Ehe zu versuchen.

Die ganz eindeutig veraltete Rechtsauffassung hat allerdings noch keinen Aufstand hervorgerufen. Man nimmt sie hin, und selbst intellektuelle Frauen begnügen sich mit der Kritik an Einzelheiten. Und das nimmt wunder – denn auch in Italien ist die Jugend „modern“: Nicht nur er, auch sie erlernt einen Beruf, wird selbständiger, entflieht auf diese Weise ganz unmerklich der Familienautorität. Sie verläßt ihr Elternhaus selten bevor sie heiratet, aber ihre Freundschaften und ihre „Verhältnisse“ werden von der Familie nicht mehr so streng wie ehedem überwacht.